„Wie, Du fährst nach Deutschland? Alleine – als Mädchen?“ Als Asimina Paradissa Mitte der 1960er-Jahre den Jungs in ihrem griechischen Heimatdorf eröffnete, sie gehe nach Deutschland, nach Wilhelmshaven, konnten diese es nicht fassen. Frauen, die alleine fortgingen, standen in einem zweifelhaften Ruf. Werde sie ihr Geld etwa im horizontalen Gewerbe verdienen? Asimina Paradissa hat sich um diese Vorurteile nie geschert. „Der Junge, der mir das gesagt hat, ist ein paar Jahre später selbst nach Deutschland gegangen“, lacht die Griechin, als sie gut gelaunt und stolz durch die Ausstellung „Vor Ort: Fotogeschichten zur Migration“ im Kölner Museum Ludwig streift. 

Eine ganze Wand ist ihr und ihrer Geschichte gewidmet. Paradissa hat immer sehr gerne fotografiert. Schon als junges Mädchen half sie dem örtlichen Fotografen beim Entwickeln der Filme. Und sie ließ sich selbst auch gerne ablichten. Dabei gab sie ihren Freundinnen und Kolleginnen klare Anweisungen, wie sie in Szene gesetzt werden wollte. 

Asimina Paradissa deutet auf ein Foto, auf dem sie als junge Frau in Wilhelmshaven zu sehen ist

Eines der Bilder zeigt Paradissa an dem Tag, an dem sie das Fahrradfahren lernte: „Ich bin fünf Kilometer gefahren, bis ins Nachbardorf und wieder zurück“, erinnert sie sich. „Aber ich hatte ein Problem: Ich konnte nicht absteigen, ich bin immer umgefallen.“ Radfahren wurde nie ihr Ding – stattdessen kaufte sie sich nach bestandenem Führerschein einen himmelblauen Opel Kadett. Aber sie hatte ihr Ziel erreicht: In Deutschland Fahrradfahren zu lernen, denn im konservativen Griechenland der Nachkriegszeit war das für Mädchen verboten.

Gedichte am Fließband

Asimina Paradissa wollte 1966 nicht nur der Arbeit wegen nach Deutschland. Die junge Frau suchte auch Freiheit und fand in Wilhelmshaven, tausende Kilometer von ihrem Heimatdorf Vrasta auf der Halbinsel Chalkidiki entfernt, ein neues Zuhause. Eines der Bilder zeigt sie vor ihrem Wohnheim der Firma Olympia, das…