Ein taktisches Sie

Die Grünen haben erstaunlich früh die volle Härte eines Wahlkampfs abbekommen – in dem kein Fehler, auch nicht der kleinste, verziehen wird, in dem ein falscher Satz fünf Prozentpunkte in den Umfragen kosten kann, in dem die Phrasen- und Schlagwortdichte so hoch ist, dass kein komplexes Argument mehr durchdringt.

In den Umfragen ist vor allem Annalena Baerbock schnell und tief gefallen, es waren zu viele der Fehler, auch der kleinen.

Nein, es läuft gerade nicht gut für die Partei, der es vor Kurzem noch beinahe gelungen wäre, das Momentum einer Wechselstimmung auf sich zu ziehen.

Den Delegierten des Grünen-Parteitags, der gestern begann, scheint das bewusst zu sein. Sie legten daher eine Tugend an den Tag, die kaum eine andere Partei so gut beherrscht: Disziplin. »Zur Erleichterung der Parteispitze blieb der Aufstand der Basis aus«, sagt mein Kollege Jonas Schaible, der für den SPIEGEL über die Grünen berichtet. »Eine Verschärfung des CO₂-Preises gibt es nicht, der Bundesvorstand gewann alle Abstimmungen zum Klimateil des Programms.« Eine zerstrittene Partei, sie wäre auch das letzte, was die Führung gerade braucht.

Die Kanzlerkandidatin blieb am ersten Tag dieser Bundesdelegiertenkonferenz stumm, sie wird erst heute reden. Gelingt ihr ein rhetorischer Befreiungsschlag, kann sie sich frei sprechen?

Robert Habeck jedenfalls legte gestern vor, sein Beitrag klang wie die Rede zur Nation. »Wir werden niemals diesen Kampf aufgeben, für Veränderung für die Breite der Gesellschaft zu streiten«, sagte der Co-Vorsitzende.

Seine Zuhörer duzte Habeck nicht, wie auf Parteitagen üblich, er wählte ein taktisches Sie. Adressat seiner Rede war also nicht die Basis, es waren die Menschen im ganzen Land.

Öko-Schizophrenie

Sieht man sich unser ökologisches Verhalten an, offenbart sich eine interessante Schizophrenie: So gaben zum Beispiel bei einer Befragung 24 Prozent aller Flugreisenden an, sie würden auf jeden Fall für ihren CO₂-Verbrauch eine…