von Marc Goergen

11.06.2021, 11:45 Uhr

Mark Lowcock, Chef der UN-Nothilfeagentur, warnt vor einer „Hungersnot“ im Norden Äthiopiens. Experten sagen: Bis zu 300.000 Kinder könnten sterben. Warum die Lage vor Ort so dramatisch ist – und ein Wort so im Mittelpunkt steht.

Es ist die stärkste Waffe aus seinem Arsenal, die UN-Nothilfe-Koordinator Mark Lowcock am Donnerstag zog, das H-Wort – „Hungersnot“. Denn genau die spiele sich derzeit in der Provinz Tigray im Norden Äthiopiens ab, sagte er. „Und es wird noch viel schlimmer werden“.

Für 350.000 Menschen in Tigray und den angrenzenden Regionen Amhara und Afar sei die Lage dramatisch. Dort, im Norden des Landes, führt Äthiopiens Armee einen brutalen Krieg gegen aufständische Tigray, 1,7 Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Das Stereotyp des Hunger-Staates

„Hungersnot“ und „Äthiopien“, das erinnert an die Jahre 1973 und 1984/85, an Bilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen, an Bob Geldorf und „Band Aid“, an all das, was „Äthiopien“ für lange Zeit zu einem Synonym hat werden lassen für Dürre, Armut und Hunger – was aber der komplizierten Situation vor Ort seit Jahren schon nicht mehr gerecht wird.

Denn es ist gerade diese Stereotypisierung als Hunger-Staat, die es dem Land jahrzehntelang schwer gemacht hat, und wer die aktuelle Lage wie auch diplomatische Kämpfe in den UN-Gremien verstehen will, muss sich die politische Dimension des Wortes „Hungersnot“ klar machen.

Der offizielle UN-Bericht stuft die Lage in Tigray als „Katastrophe“ ein, die schlimmste Stufe „Hungersnot“ wird vermieden. Grundlage dafür ist die „Integrated Food Security Classification“ (IPS), ein System, das geschaffen wurde, um das Ausmaß von Hunger wissenschaftlich messbar zu machen. So gilt eine Region als von einer Hungersnot betroffen, wenn 20 Prozent der Menschen dort unter…