Manchmal fühlt sich auch ein Plus wie eine Pleite an. Bei den Grünen war es am Sonntag jedenfalls so. 5,9 Prozent holte die erfolgsverwöhnte Ökopartei bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Das sind 0,7 Punkte mehr als 2016.

Nur: Seinerzeit waren die Grünen auch im Bund noch Kleinpartei, in den Umfragen lagen sie knapp im zweistelligen Bereich. Jetzt, fünf Jahre später, sind sie doppelt so stark, kämpfen um Platz eins in der Republik, wollen ins Kanzleramt.

Eigentlich.

Die Frage, warum es für die Grünen trotz der neuen Ansprüche in Sachsen-Anhalt nicht voranging, treibt auch die Bundespartei noch Tage nach der Wahl um. Ein reiner Landeseffekt? Oder mehr? Etwas, worüber sich auch Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock Sorgen machen müsste?

Anfang der Woche gibt Bundesgeschäftsführer Michael Kellner dem SPIEGEL ein Interview. Darin beschreibt er die Lehren, die die Grünen aus der Wahl ziehen müssten. Was er sagt, lässt aufhorchen.

Es geht um nicht weniger als eine Kurskorrektur auf dem Weg zur Bundestagswahl.

»Wir müssen mit der Frage des sozialen Ausgleichs beim Klimaschutz stärker durchdringen.«

Grünen-Bundesgeschäftsführer Kellner

»Wir müssen mit der Frage des sozialen Ausgleichs beim Klimaschutz stärker durchdringen«, sagte Kellner. Und: »Wir müssen die volle Breite unserer Themen an die Menschen bringen – die Sozialpolitik, den Mindestlohn, unsere Pläne zur Schaffung guter und auskömmlicher Jobs. Oder eine Bildung, die die Kleinsten nicht im Stich lässt.«

Soziales. Mindestlohn. Arbeit. Werden die Grünen jetzt rot im Wahlkampf?

Die erste Euphorie nach der Kür der Kanzlerkandidatin ist längst verklungen, die vergangenen Wochen verliefen seither äußerst holprig für die Grünen. Da war der Ärger um Baerbocks Lebenslauf und ihre Nebeneinkünfte. Da waren blasse TV-Auftritte und die Auseinandersetzung mit Partei-Querulant Boris Palmer.

Die größten Probleme bereiteten den Grünen wohl aber die inhaltlichen Attacken der…