SPIEGEL: Die Europäische Arzneimittelagentur hat den Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson uneingeschränkt empfohlen – trotz einzelner Fälle von Blutgerinnseln. Nun will die Stiko den Impfstoff nach SPIEGEL-Informationen nur noch für Menschen über 60 empfehlen. Was dachten Sie, als Sie davon erfuhren?

Claudia Bernhard: Ich dachte ehrlich gesagt: ein totaler Mist. Der Impfstoff muss für einen vollen Impfschutz nur einmal gespritzt werden. Damit ist er besonders für die Menschen gut geeignet, die man schwer erreichen kann. Wir hatten geplant, ihn für unsere Impfkampagne in strukturell benachteiligten Stadtteilen einzusetzen. Nächste Woche sollte dazu ein Modellprojekt im Stadtteil Gröpelingen mit 500 bis 600 Impfungen starten. Diese Nachricht krempelt bei uns alles wieder um.

Zur Person

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Foto: Eckhard Stengel / imago images

Claudia Bernhard, Jahrgang 1961, ist Senatorin für Gesundheit, Verbraucherschutz und Frauen in Bremen in der rot-rot-grünen Regierung unter Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD). Zuvor saß die Linkenpolitikerin von 2011 bis 2019 in der Bremischen Bürgerschaft.

SPIEGEL: Was bedeutet das für die deutsche Impfkampagne?

Bernhard: Dass den Impfstoff von Johnson & Johnson jetzt das gleiche Schicksal ereilt wie den von AstraZeneca, bedeutet natürlich wieder eine Delle in der Schnelligkeit der Impfungen. Um dagegen anzugehen, sollten wir stärker auf die Strukturen der Impfzentren setzen, die Hausärzte schaffen das noch nicht allein.

DER SPIEGEL: Viele ältere Menschen sind bereits geimpft. Wer soll sich denn jetzt noch mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson impfen lassen?

Bernhard: Wenn die Menschen gut beraten werden, dann lassen sich auch die Jüngeren mit diesen Vakzinen impfen. Das war bei AstraZeneca nach unseren Erfahrungen auch so. Wir wollen außerdem versuchen, den Impfstoff weiter in Kombination mit Beratung an Wohnungs- und Obdachlose zu verimpfen. Das sind Impfgruppen, an die man nur…