Kürzlich hat Indien Brasilien mit seinen Corona-Zahlen aus den Schlagzeilen verdrängt. In beiden Ländern hatten die Infektions- und Todeszahlen in den letzten Wochen nationale Höchststände erreicht. Dennoch wollen beide Regierungen derzeit keinen Lockdown verhängen, um die jeweilige Corona-Epidemie einzudämmen.

Die Gemeinsamkeiten hören hier nicht auf: Beide gehören zu den BRICS-Staaten, einer Staatengruppe großer, vermeintlich aufstrebender Wirtschaftsnationen. Die Einkommensunterschiede sind innerhalb beider Länder groß: Neben einer winzigen, extrem reichen Elite und einer kleinen Mittelschicht sind Armut und Elend weit verbreitet. Und in beiden regiert eine rechtsnationalistische Regierung, die im Bund mit religiösen Eiferern an den demokratischen Institutionen des Staates sägt.

Knallharter Lockdown vs. Corona-Skepsis

Die Parallelen liegen auf der Hand, doch Amrita Narlikar, Präsidentin des German Institute of Global and Area Studies (GIGA), warnt vor übereilten Schlüssen: „Es gibt eine Tendenz im sogenannten liberalen Westen, die Länder des globalen Südens über einen Kamm zu scheren. Aber Analysten und Beobachter müssen sehr vorsichtig sein, wenn sie Ähnlichkeiten unterstellen.“

Polizisten in Srinagar, in der Region Jammu und Kashmir, überwachen die Ausgangssperre im April 2020

Damit meint Narlikar nicht die offenkundigen kulturellen Unterschiede. Insbesondere im Umgang mit der Corona-Krise seien die Unterschiede eklatant: Während Brasiliens Präsident nie von seiner Position abgerückt ist, COVID-19 sei eine kleine Grippe und besser mit einem Malaria-Mittel als mit Impfstoff zu bekämpfen, hat Indiens Premierminister Narendra Modi bereits von März bis Mai 2020 den vielleicht härtesten Lockdown überhaupt verhängt und eine Impfstoffproduktion in Indien aufgebaut. „Im Gegensatz zu Bolsonaro hat Modi anerkannt, wie hoch die menschlichen Kosten sein könnten. Allerdings zeigt die heutige Lage, dass er die Zeit nicht genutzt hat, das Land für die…