Feierabendstimmung in Warschau an einem Donnerstag. Trubel herrscht an der Ampel zwischen „Stalins Geschenk“, dem Kulturpalast, und dem Hauptbahnhof. Die Menschen sind in Eile, die meisten gucken dabei versunken auf ihre Handybildschirme. Als ob sie noch etwas anonymer bleiben wollten, als sie es in der betongrauen Großstadt sowieso schon sind.

Gerade deshalb ragt eine kleine, bunte Truppe überwiegend ältere Menschen aus der Masse heraus. Sie tragen Transparente und schwenken Europa- und Regenbogenfahnen, aus einem Lautsprecher dröhnt: „Es wird noch wunderschön, es wird noch normal“. Den Rock-Kultsong verbindet man in Polen eigentlich mit dem Ende der kommunistischen Diktatur 1989, aber seit Beginn der Corona-Pandemie ist er erneut zum musikalischen Hoffnungsträger geworden.

„Polnische Omas. Die Stärke der Machtlosen“, steht auf der Regenbogenfahne der „Polskie Babcie“

Auch die Demonstrierenden hoffen: Darauf, dass Polen nicht länger dem Kurs der national-konservativen Regierungspartei PiS („Prawo i Sprawiedliwość“, deutsch: Recht und Gerechtigkeit) folgt. Sie nennen sich „Polskie Babcie“, „Polnische Omas“, und wollen mehr sein als das Klischee einer Großmutter, die Piroggen vorbereitet, häkelt und den Enkeln Zeit schenkt.

All das machen die Polnischen Omas zwar auch – aber zudem gehen sie auf die Straße. Viele von ihnen demonstrieren schon seit sechs Jahren regelmäßig. Als ihr Symbol haben sie die Regenbogenfahne gewählt, die üblicherweise für die LGBT-Community steht. Auf der der Polskie Babcie steht: „Polnische Omas. Die Stärke der Machtlosen“.

Regenbogen statt weiß-rot

Auch an jenem Donnerstagabend ziehen die Babcie durch Warschaus Innenstadt. Fußgänger gucken skeptisch, manche drehen sich um, eine junge Frau hält den Daumen hoch, eine andere fragt, ob sie ein Foto mit den Omas machen kann. Wenn, dann sind es eher die Jungen, deren Augen Zustimmung anzeigen für das, was die älteren Damen hier tun. „Junge Menschen applaudieren häufig“, sagt…