Manchmal macht einen das, was man zu sehen erwartet hat, kurz blind für alles andere. Zum Beispiel in diesem Satz, den die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock in der ersten Rede nach ihrer Kür gesagt hat: »Eine grüne Kanzler*innenkandidatur steht für ein neues Verständnis von politischer Führung.«

Dass die Grünen manches anders machen wollen und sowieso vieles neu, daran hat man sich gewöhnt, das fiel auf. Aber was, wenn es nicht nur um das »neue Verständnis« von Führung geht, sondern mindestens ebenso sehr um »Führung« an sich?

In den Kommentaren zur Verkündung der Kandidatur fiel das Wort jedenfalls auffallend oft:

Robert Habeck, der Co-Vorsitzende sagte: »Vor allem haben wir einen neuen Führungsstil etabliert.«

Michael Kellner, der Bundesgeschäftsführer, sagte: »Wir setzen Maßstäbe, wie moderne Führung aussieht.«

Katrin Göring-Eckardt, Co-Fraktionschefin im Bundestag, twitterte: »Annalena und Robert sind genau die Führung, die dieses Land jetzt braucht.«

Anton Hofreiter, Co-Fraktionschef im Bundestag, sagte über die Parteivorsitzenden: »Sie verkörpern eine moderne Führung.«

Ziemlich viel »Führung«, ginge es nur darum, das Kooperative des eigenen Politikstils zu betonen. Ziemlich viel »Führung« auch, um zu kommunizieren, dass man ins Kanzleramt will (wo man bekanntlich auch ohne allzu viel Führung Jahre zubringen kann). Ziemlich viel »Führung« für eine linke, antiautoritäre Partei.

Ziemlich viel »Führung« überhaupt für eine politische Kraft in diesen Zeiten.

Das fünfte Versprechen der Partei

Es sieht ganz so, als sei »Führung« ein entscheidendes Element des grünen Wahlkampfs. Vielleicht liegt darin sogar ein oft übersehenes fünftes Versprechen der Grünen, neben Klimaschutz, Bejahung gesellschaftlicher Vielfalt, mehr Kooperation und der Chance auf Veränderung nach 16 Jahren Merkel. Ein Grund für ihre guten Umfrageergebnisse derzeit (hier mehr).

Die Bereitschaft zur Führung zeigt sich nicht nur in…