Anfang August 2020 ließ sich Alexander Lukaschenko nach der umstrittenen Präsidentenwahl zum Sieger erklären – und verlor damit mehrheitlich das Vertrauen der Bevölkerung in Belarus. Es folgten landesweite Massenproteste mit weiß-rot-weißen Flaggen, dann Festnahmen, Folter und Einschüchterungen. Ein halbes Jahr später sind die Proteste stiller geworden, die Straßen leerer, doch der Widerstand – vor allem in der Kulturszene – ist ungebrochen. Und neue Proteste bahnen sich an.

Die Kultur unter Beschuss

„Die Proteste werden derzeit nicht so offensichtlich an der Oberfläche ausgetragen, jeder hat verstanden, dass es gefährlich ist, öffentlich zu protestieren. Aber wenn Regime-Mitglieder denken, dass die Menschen vergessen haben, was passiert ist, dann täuschen sie sich gewaltig“, sagt die belarussische Schriftstellerin Volha Hapeyeva, zurzeit „Writers in Exile“-Stipendiatin des deutschen PEN-Zentrums, gegenüber der DW. „Du kannst derzeit festgenommen werden, allein wenn Du rot-weiße Socken trägst.“

Weiß-Rot-Weiß – die Farben der Opposition. Bei den Massenprotesten im vergangenen Jahr waren überall weiß-rot-weiße Symbole zu sehen, die Farben der Nationalflagge des ersten unabhängigen belarussischen Staates, der am 25. März 1918 ausgerufen wurde. Lukaschenko hatte sie in seiner Amtszeit 1995 abgeschafft. Als Alternative führte er Staatssymbole ein, die stark an die Sowjetzeit erinnern. An eine Zeit, in der belarussische Traditionen und auch die Sprache Belarussisch verpönt waren. 

Volha Hapeyeva erzählt in ihrer Biografie „Camel Travel“ vom Aufwachsen in den politisch unruhigen 1990-er Jahren

Die Kulturszene als Bedrohung, so sehen es die Regierenden: „Das Umfeld, in dem wir arbeiten, ist kein leichtes“, sagt auch Tatsiana Hatsura-Yavorskaya. Sie ist Leiterin des Watch Docs Festival in Minsk und Mitorganisatorin der Ausstellung „Die Maschine atmet, und ich nicht“, die dem medizinischen Personal im Kampf gegen Covid gewidmet wurde. Die Corona-Pandemie…