Eine Dreiviertelstunde vor Mitternacht wundern sich die Bewohner der afghanischen Stadt Jalalabad über den jähen Fluglärm: Dröhnend ziehen Hubschrauber ostwärts vorbei in Richtung der nahen Grenze zu Pakistan. Zuvor sei es eine ruhige Nacht gewesen, erzählen sie später, ebenso nach dem Verschwinden der Hubschrauber.

Was sie hören, ist der Auftakt zum letzten, dramatischen Kapitel einer fast zehn Jahre währenden Jagd nach dem »gefährlichsten Mann der Welt«, dem »Terrorfürsten«, der als Anführer von al-Qaida die Anschläge vom 11. September 2001 auf New York und Washington verantwortete: Osama Bin Laden.

Verschwunden seit Dezember 2001, als die US-Truppen ihn aus der Bergfeste Tora Bora entkommen ließen. Gesucht seither von allen Geheimdiensten der USA und mit 25 Millionen Dollar Kopfgeld. Trotzdem wie vom Erdboden verschluckt, auch wenn gelegentliche Video- und Tonbotschaften belegen, dass er lebt.

Als der Lärm über Jalalabad in dieser Nacht zum 2. Mai 2011 verebbt, wird er noch anderthalb Stunden zu leben haben. Und er wird kein Dröhnen aus der Luft hören. Denn die beiden riesigen, zweimotorigen Chinook-Transporthubschrauber landen weit vor dem Einsatzort der Operation – als Notfallreserve, falls etwas schiefgeht.

Sehr leise und sehr tief dagegen steuern zwei erstmals eingesetzte »Tarnkappen«-Black-Hawks einen Ort an, wo man den Qaida-Chef kaum vermuten würde: die bei pakistanischen Offizieren im Ruhestand beliebte Provinzstadt Abbottabad, 50 Kilometer nördlich in den Vorbergen des Karakorum gelegen. Das Ziel der beiden Helikopter ist ein zwar fünf Meter hoch ummauertes, ansonsten eher schmuckloses, dreistöckiges Anwesen, nur einen Kilometer entfernt von Pakistans Militärakademie.

»Geronimo, Geronimo, Geronimo«

Woher die Ursprungsinformation zu Bin Ladens Aufenthaltsort stammt, ob von einem gefangen genommenen Kurier oder einem Überläufer, wird auch später unklar bleiben. Monatelang hat die CIA versucht, weitere Belege zu sammeln, bis die…