SPIEGEL: Herr Springfeld, neulich haben Sie persönliche »Nachtgedanken aus Zwickau« getwittert und über ihre Angst gesprochen. Die Nachricht endete mit: »Ich schaue aus meinem Fenster, hoffe, dass ich wenigstens zu Hause sicher bin.« Was war der Anlass?

Zur Person

Bild vergrößern

Foto: Martin Neuhof

Jakob Springfeld, Jahrgang 2002, studiert seit vergangenem Herbst Politik und Soziologie an der Martin-Luther-Universität Halle/Saale. Zuvor lebte er in seiner Geburtsstadt Zwickau, gut 50 Kilometer westlich von Chemnitz. Er ist Mitglied der Grünen Jugend und engagiert sich bei »Fridays for Future«.

Springfeld: Ich studiere in Halle und komme nur ab und an heim nach Zwickau. Ich war auf Besuch und erfuhr, dass Freunde gerade von Neonazis durch die Stadt verfolgt worden sind und sich in einer Tankstelle verstecken mussten. Die rechtsextreme Kleinstpartei »Der Dritte Weg« wollte am 1. Mai in Zwickau demonstrieren, was aber verboten wurde. Ich beriet mit Freunden über Gegenproteste. Wir redeten über unsere Ängste. Linke und Mitstreitende bei »Fridays for Future« fühlen sich nicht mehr sicher.

SPIEGEL: Woran machten Sie und Ihre Freunde das fest?

Springfeld: Da hat der eine ein Hakenkreuz am Briefkasten, da muss die andere vor pöbelnden Nazis wegrennen. Oder an einer Wand steht plötzlich: »Juden raus!« oder »Zecken jagen!«. Wir sind nicht mehr sicher in dieser Stadt. Ich kann nicht einschlafen und wache nachts auf. Ich wollte einen Hilferuf in die Welt twittern, aber auch sagen: Wir lassen uns nicht einschüchtern.

SPIEGEL: Werden Sie konkret bedroht oder eher allgemein?

Springfeld: Beides. Ich bin – auch wegen Corona – nicht mehr oft unterwegs in Zwickau. Dass ich persönlich ernsthaft bedroht wurde, liegt ein Jahr zurück. Ich höre aber jede Woche von Freundinnen oder Freunden Geschichten, die Spuren hinterlassen. Nazis in Zwickau wissen, wo meine Familie und ich wohnen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, auf der Straße bedroht,…