1. Mai

»Nationalfeiertag. Alles geschlossen, selbst die Gastwirtschaften. Eindruck einer Nationaltrauer über die verfehlte Revolution.« Das schrieb am 1. Mai 1919 der Diplomat, Sozialist, Liberale und überhaupt Tausendsassa Harry Graf Kessler über den ersten Maifeiertag in Deutschland in sein Tagebuch.

Es sollte ein Tag sein, »der dem Gedanken des Weltfriedens, des Völkerbundes und des internationalen Arbeiterschutzes geweiht ist und für den der Charakter eines Weltfeiertags erstrebt wird«, so hieß es damals im Reichs-Gesetzblatt. Allerdings war der 1. Mai in jenem Jahr nach der Revolution nicht nur das erste, sondern auch das letzte Mal Feiertag während der Zeit der Weimarer Republik.

102 Jahre später rüstet sich dieses Land am Maifeiertag leider nicht in erster Linie für Völkerverständigung und Arbeitnehmerschutz, sondern für den Krawall der Republik- und Demokratieverächter von links und rechts sowie – eine Spezialität dieses Jahres – für den Aufmarsch der sogenannten Querdenker und Coronaleugner.

Dabei wäre dieser 1. Mai 2021 der beste Tag, um insbesondere die solidarischen Menschen im Gesundheitssystem – Pfleger, Ärztinnen, das gesamte Krankenhauspersonal – über die klassischen DGB-Kundgebungen hinaus in den Mittelpunkt zu rücken, deren Dienst an der Gesellschaft zu würdigen und – hey, Politik! – konkrete Verbesserungen für die Post-Pandemie-Zeit anzukündigen.

Stattdessen droht Ärger, in Leipzig oder Hamburg zum Beispiel, aber natürlich auch in der Hauptstadt. In Berlin werden rund um den 1. Mai etwa 5000 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz sein. Mittags etwa wollen sich Gegner der Anti-Corona-Maßnahmen unterm Motto »Nein zum Kapital« im Bezirk Lichtenberg versammeln, am Abend dann der Krawallklassiker in Neukölln und Kreuzberg, die »Demonstration zum revolutionären 1. Mai«.

Das war eine gute Woche

Das Licht am Ende des Tunnels wird größer. In den vergangenen Tagen sind in Deutschland so viele Menschen gegen Corona geimpft…