Eine Sieben-Tage-Inzidenz von 650 – das war der Spitzenwert im vergangenen Herbst, als die Schweiz einen der heftigsten Coronaausbrüche in ganz Europa erlitt. Ein knappes halbes Jahr später liegt der Wert immer noch bei knapp 160, ähnlich hoch wie in Deutschland. Doch während hier die Bundesnotbremse getreten wird, fährt der Schweizer Bundesrat die umfangreichste Lockerungsstrategie in Europa: Seit dem 19. April sind nicht nur Restaurantterrassen, sondern auch Kinos, Theater, Fitnessstudios und Sportanlagen geöffnet, die Geschäfte sogar schon seit März.

Die Schweiz führt damit einen Trend an, der in vielen Staaten Europas zu beobachten ist: Italien, Spanien, die Niederlande und viele weitere Länder öffnen wieder, oft gegen wissenschaftlichen Rat. »Es ist eine Mischung aus Frühlingsgefühl, Impf-Fortschritt und dem öffentlichen Drang, Freiheiten wiederherzustellen«, sagt Mathieu von Rohr, Leiter des SPIEGEL-Auslandsressorts, »das führt dazu, dass Warnungen, so berechtigt sie auch sein mögen, nicht mehr verfangen. Es ist mutig, was die Schweiz macht; ich würde vielleicht sogar sagen, es ist waghalsig.«

Ausgerechnet in Schweden, dem Land, in dem nie ein echter Lockdown herrschte, gibt es im Moment als einzigem Land in Skandinavien keinen Lockerungstrend: Die Zahlen sind unverändert hoch. Die schwedische Regierung folgt nach wie vor dem umstrittenen Staatsepidemiologen Anders Tegnell.

Schweden hat den zweithöchsten Inzidenzwert Europas

»In Deutschland hätte er nach seinen massiven Fehlprognosen im Herbst seinen Job verloren«, erklärt Auslandsredakteur Dietmar Pieper, der zweite Gesprächspartner in dieser Episode, »aber in Schweden gibt es keinen so großen Druck, etwas zu verändern, und nach wie vor ein großes Zutrauen zu den Behörden.« Mit 344 neuen Fällen pro 100.000 Einwohner weist Schweden momentan den zweithöchsten Inzidenzwert in Europa auf.

Die Schweiz und Schweden verfügten von Anfang an über Notfallgesetze und damit über die…