Ein Bezirksgericht der nordrussischen Stadt Archangelsk hat den Oppositionellen Andrej Borowikow zu zweieinhalb Jahren Strafkolonie verurteilt. So war es in einem Livestream der Verhandlung auf der Instagram-Seite Borowikows zu sehen. Dem 32-Jährigen wurde vorgeworfen, Pornografie verbreitet zu haben.

Er hatte 2014 einen Videoclip des Liedes »Pussy« der deutschen Band Rammstein auf seiner VKontakte-Seite gepostet, der russischen Version von Facebook. Das Video hatte bei der Veröffentlichung einen Skandal ausgelöst. Die Rockgruppe mit Sänger Till Lindemann ist in Russland sehr beliebt, Konzerte sind regelmäßig ausverkauft.

Der Staatsanwalt hatte drei Jahre Haft für den Oppositionellen gefordert – und zwar in einer Strafkolonie »strengen Regimes«, wo sonst eigentlich Mörder und Schwerstkriminelle eingesperrt werden. Davon sah das Gericht ab, Borowikow wird in einer Kolonie »allgemeinen Regimes« eingesperrt, so wie auch Kremlkritiker Alexej Nawalny, der bereits seit Februar in einem Straflager inhaftiert ist. Borowikow kündigte an, Berufung gegen das Urteil einzulegen.

Journalisten waren zur Verhandlung Borowikows nicht zugelassen. Als Grund für den Ausschluss der Presse gab das Gericht den Infektionsschutz an. Das Menschenrechtsorganisation Memorial nannte das Verfahren gegen Borowikow politisch motiviert.

Borowikows wahres Vergehen dürfte in den Augen des Kremls nicht Verbreitung von Pornografie sein: Mehr als ein Jahr lang arbeitete Borowikow als Leiter des örtlichen Büros des Kremlkritikers Alexej Nawalny. »Das größte Verbrechen, das ich in den Augen der Führung unseres Landes begonnen habe, ist, dass ich ein Unterstützer von Nawalny bin – also ein Feind des Regimes«, hatte Borowikow im Gespräch mit dem SPIEGEL gesagt.

Nawalny hatte im vergangenen August einen Anschlag in Russland mit einem Nervengift aus der Nowitschok-Gruppe überlebt, für den er den Kreml verantwortlich macht. Nach seiner Behandlung in der Berliner Charité wurde er nach…