Auf dem Bildschirm im Saal des Babuschkinskij-Gerichts am Rande von Moskau ist ein Mann mit kahl geschorenem Kopf und blauem Oberteil zu sehen. Auf den ersten Blick ist kaum zu erkennen, dass dort der derzeit wohl bekannteste Kreml-Kritiker sitzt. »Ist er das?«, fragt eine Journalistin auf den Zuschauerbänken mit Blick auf den abgemagerten Mann, der am Donnerstag aus der Strafkolonie in Wladimir, etwa 180 Kilometer östlich von Moskau, zugeschaltet ist.

Alexej Nawalny wirkt klein, man hat die Kamera so eingestellt, dass viel weiß-graues Zimmer zu sehen ist, aber wenig Nawalny. Das Bild ist grieselig und unscharf, aber es wird trotzdem deutlich, dass er sehr schmal geworden, sein Gesicht eingefallen ist.

Es ist der erste öffentliche Auftritt von Nawalny, seit er im Februar in die Strafkolonie gebracht wurde. Erst am Freitag hat er einen dreieinhalbwöchigen Hungerstreik beendet (lesen Sie hier die Hintergründe).

Und die Bilder machen deutlich, wie sehr ihm die Zeit dort zugesetzt hat. Noch vor mehr als zwei Monaten lief Nawalny im Gerichtssaal in Moskau im Glaskäfig auf und ab, strotzte vor Energie. Damals bestätigte ein Berufungsgericht Nawalnys Haftstrafe von zwei Jahren und fast sieben Monaten und verurteilte ihn noch am selben Tag wegen angeblicher Beleidigung eines Kriegsveteranen zu einer hohen Geldstrafe. Eine Entscheidung, die vor allem Nawalnys Ruf schädigen sollte: Jede Kritik an Veteranen gilt in Russland als unpatriotische Grenzüberschreitung.

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Alexej Nawalny am 20. Februar im Gericht

Foto: KIRILL KUDRYAVTSEV / AFP

Gegen dieses Urteil legte Nawalny Berufung ein, an diesem Donnerstag wird darüber verhandelt. Doch eigentlich geht es an diesem Tag um etwas anderes.

Nawalny nutzt den Prozess, um seiner Frau und den zahlreichen Journalistinnen und Journalisten mitzuteilen, wie es ihm nach all den Wochen der Haft und des Hungerns geht.

»Ich freue mich sehr, dich zu sehen«

»Juljaschka, wenn du im Saal bist, kannst du…