Wem der Schwarm folgt

Diese Woche scheinen die Parteien in eine kurze Ruhephase einzutreten: Die Kanzlerkandidaturen sind geklärt, die letzten Sticheleien (Söder) ausgetauscht, das letzte Wehklagen (Habeck) verklungen, und jetzt richten sich die Lager neu aus auf ihre Führungsfiguren Laschet, Baerbock, Scholz und deren mögliche Bündnisse. Parteien funktionieren ein bisschen wie Vogelschwärme, gibt es eine neue Führung, dreht der Schwarm bei und folgt dem neuen Leitvogel – normalerweise jedenfalls.

Nur bei der Union bleibt es spannend, wie schnell die Schwarmintelligenz den Sieg des zeitweise schon als flügellahm abgeschriebenen Armin Laschet akzeptiert. Vor wenigen Tagen war der Frust an der Basis vielerorts noch groß, wie meine Kollegin Anabelle Körbel berichtete, einige Mitglieder drohten mit Wahlkampfboykott.

Wieder einmal zeigt sich: In der Demokratie sind gute Verlierer fast wichtiger als gute Gewinner. Söder jedenfalls scheint nun nicht mehr nachtreten zu wollen. Bei einem Auftritt vor dem Berliner Wirtschaftsverband VBKI am Mittwochmorgen verkniff er sich sogar kleinste Fiesigkeiten, obwohl das Publikum ihm Steilvorlagen lieferte: »Sollte nicht die Basis künftig mehr eingebunden werden in die Kandidatenkür?«, wollte ein Teilnehmer wissen. »Wird die CDU/CSU den Mut haben, einen echten Richtungswahlkampf zu führen: Freiheit statt Sozialismus?«, fragte ein anderer. Und wie hilfreich könne Friedrich Merz für einen Kanzler Laschet sein?

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Markus Söder, CSU

Foto: Michael Kappeler / dpa

Söder lächelte stets milde, verwies auf die strategische Hoheit des CDU-Kanzlerkandidaten und beschränkte sich darauf, die Seele der Berliner Wirtschaftsleute zu streicheln mit Attacken auf den »sozialistischen Quatsch« der Mietpreisbremse oder die »imaginäre Gerechtigkeitsdebatte« einer Vermögensteuer.

Ruhig ist die Unionsbasis also nicht, zumal die Söder-Fans auf die unverändert hohen Beliebtheitswerte ihres Stars verweisen…