Es gibt einen guten Grund, warum nur sehr wenige Menschen den Mount Karasik kennen. Dabei ist der Berg mit seinen 4350 Metern fast so hoch wie das Matterhorn. Weil das aus Basaltgestein bestehende Massiv aber etwa 350 Kilometer von Nordpol entfernt tief im Arktischen Ozean verborgen liegt, auf 86 Grad Nord als Teil des unterseeischen Gakkel-Rückens, ist der Berg nur Fachleuten ein Begriff. In der dauerhaft eisbedeckten Region wurde er erst vor 20 Jahren von einer amerikanisch-deutschen Expedition entdeckt.

Der unterseeische Berg ist ein Hotspot des Lebens in einer sonst ziemlich lebensfeindlichen Welt. Kalt ist es hier, lichtlos – und Nährstoffe sind rar. Dennoch haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) an der etwa 10 Quadratkilometer großen Kuppe des Massivs bereits vor fünf Jahren Fische und Korallen entdeckt, weiße Seesterne, blaue Schnecken und rote Krebse.

Außerdem gelang ihnen eine weitere faszinierende Beobachtung, über die sie nun im Fachmagazin »Current Biology« berichten. Am Meeresboden fanden sie verblüffende Kratzspuren, die aus Sicht der Meeresforscher nur eine Erklärung zulassen: Hier in großer Zahl lebende Schwämme, eine der primitivsten Formen tierischer Lebewesen, können sich aktiv bewegen – und das, obwohl das eigentlich nicht möglich sein dürfte. »Die Schwämme haben nämlich kein Bewegungssystem«, erklärt Autun Purser im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Der AWI-Tiefseebiologe hat den Karasik Seamount mit einem System aus Kameras und einem Sonar, das an einem Kabel hinter dem Eisbrecher »Polarstern« hergeschleppt wurde, im Detail vermessen. Er ist einer der Autoren der aktuellen Veröffentlichung. Aus den einzelnen Aufnahmen erstellte Purser ein 3D-Modell des Tiefseebodens am Gipfel des Berges, das eine Auflösung von zehn Zentimetern hat.

Auf 69 Prozent der Bilder fanden sich die geheimnisvollen Kratzer. »Wir konnten uns die Spuren anfangs nicht erklären«, sagt…