Kaum eine Person hat Nachkriegseuropa so sehr geprägt wie der Franzose Pierre-Henri Teitgen. Und kaum eine Person ist heute so vergessen.

Teitgen kämpfte im Widerstand gegen Hitler. Er wurde von der Gestapo verhaftet, entkam nur knapp dem Konzentrationslager. Nach 1945 stieg er unter de Gaulle zu Frankreichs Informations- und Justizminister auf und half bei der Gründung der Tageszeitung »Le Monde«.

Vor allem aber gehörte Teitgen zu den Initiatoren des Europarats, eines Zusammenschlusses europäischer Staaten, dessen wichtigstes Organ der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg ist.

Eine Frage von Leben und Tod

Teitgen stand zeitlebens unter dem Eindruck des Holocaust. »Demokratien werden nicht über Nacht zu Nazi-Staaten«, sagte er. »Das Böse breitet sich listig aus. Schritt für Schritt werden Freiheiten unterdrückt.«

Teitgen und seine Mitstreiter wollten sicherstellen, dass sich eine solche Katastrophe in Europa nicht ein weiteres Mal wiederholt. Der Europarat sollte Demokratien davor bewahren, sich in Diktaturen zu verwandeln. Er ist eine der großen Errungenschaften der Nachkriegszeit. Nun jedoch steht er im Begriff, bedeutungslos zu werden.

Zwar ist die Zahl Mitglieder im Europarat in den vergangenen Jahrzehnten von zehn auf 47 gewachsen, etliche Staaten jedoch fühlen sich nicht länger an sein Wort gebunden. Allen voran Russland höhlt das Gremium systematisch aus.

Der Kreml hat sich, wie alle anderen Ratsmitglieder, offiziell dazu verpflichtet, Urteile des EGMR umzusetzen. Tatsächlich aber ignoriert er sie zumeist. Für den Europarat war das lange Zeit ein Ärgernis. Inzwischen ist es eine Frage von Leben und Tod.

Russlands prominentester Oppositioneller, Alexej Nawalny, hat sich immer wieder an den EGMR gewandt, insgesamt zwanzig Mal, so oft wie kein anderer Bürger. Erst im Februar hat der EGMR angeordnet, dass Nawalny unverzüglich aus dem Gefängnis in Russland entlassen werden muss. Das russische Regime hat sich jedoch auch über…