Kurz vor dem erwarteten Urteil im Prozess um den Tod des Afroamerikaners George Floyd hat US-Präsident Joe Biden durchblicken lassen, dass er auf einen Schuldspruch gegen den angeklagten Ex-Polizisten Derek Chauvin hofft. »Ich bete, dass das Urteil das richtige Urteil wird«, sagte Biden im Weißen Haus. Die Beweislage sei seiner Ansicht nach »überwältigend«.

Biden sagte damit zwar nicht direkt, dass er auf einen Schuldspruch gegen Chauvin setzt – die Richtung seiner Äußerungen war aber eindeutig. Der Präsident hatte zudem am Vortag mit Floyds Angehörigen telefoniert.

Einmischung Bidens irritiert

Die Äußerungen des Präsidenten zu dem laufenden Justizverfahren sorgten für Verwunderung. Biden selbst hatte sich bislang nicht zu dem seit drei Wochen laufenden Verfahren geäußert. Nun verwies er darauf, dass die Geschworenen im Prozess gegen Chauvin seit Montag ihre Beratungen aufgenommen hatten und deswegen von der Öffentlichkeit abgeschottet werden. Sonst hätte er sich nicht zu dem Fall geäußert, sagte er.

Chauvin hatte sich bei einem Einsatz am 25. Mai des vergangenen Jahres auf Floyds Genick gekniet, dieser kam dabei ums Leben. Das Video des Einsatzes ging um die Welt und löste massive Proteste gegen rassistische Polizeigewalt aus. Beim Prozess in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota wurden drei Wochen lang insgesamt 45 Zeugen vernommen, Ärzte angehört und etliche Stunden Videomaterial gesichtet.

Schuldspruch vs. Freispruch

Die zwölf Geschworenen im Floyd-Prozess beraten derzeit, ob Chauvin in den Anklagepunkten Mord zweiten Grades, Mord dritten Grades und Totschlag zweiten Grades schuldig oder unschuldig ist. Die Staatsanwaltschaft hatte am Montag in ihrem Schlussplädoyer einen Schuldspruch in allen drei Anklagepunkten gefordert. Chauvins Verteidiger hatte dagegen erklärt, der weiße Ex-Polizist müsse freigesprochen werden.

Schuldsprüche gegen Polizisten sind in den USA selten. Die Behörden befürchten Proteste und Ausschreitungen, sollte Chauvin…