Kitsch, so viel ist klar, kann Robert Habeck besser. Als der Vorsitzende der Grünen im vergangenen Jahr auf Instagram zu einem Selbstporträt mit sogenannten Konik-Pferden postete: »Das ist so dicht an Magie, wie man kommen kann«, da setzte bei vielen Betrachtern Fremdscham ein. Habeck aber wirkte mit sich im Reinen.

Dagegen war Annalena Baerbock das Unbehagen deutlich anzusehen, als sie am Montag als Kanzlerkandidatin der Grünen von der Pariser Klimakonferenz zu schwärmen versuchte, wo »Delegierte aus 194 Ländern mit Tränen in den Augen im Raum standen und sich umarmten«. Baerbock ist eine sachliche und nüchterne Frau, politischen Schwulst sollte sie anderen überlassen.

Man bekam gleich zu Beginn eine Ahnung davon, dass die Rolle, die Baerbock sich jetzt zutraut, eine äußerst schwierige werden könnte. Möglicherweise kann Habeck nicht nur Kitsch besser.

Nach herkömmlichen Kriterien wäre Habeck Kandidat geworden

Zum ersten Mal in der Geschichte ist das Kanzleramt für die Grünen eine realistische Option. Es ist nur folgerichtig, dass Baerbock Spitzenkandidatin wird. Wie hätte eine Partei, bei der der Feminismus zum Kern der eigenen Identität gehört, in dieser Situation einen Mann nominieren können?

Für die Grünen ist die Kanzlerkandidatur einer Frau ein großer Schritt. Für das Land nach 16 Jahren Angela Merkel eher nicht.

Aber für die Grünen ist Baerbocks Kandidatur auch ein Risiko. Die Parteispitze weiß, dass Habeck mehr Wähler außerhalb des grünen Milieus angesprochen hätte. In manchen Umfragen liegt Baerbock leicht vorn. Aber die mediale Dauerbeobachtung, der Habeck seit Monaten ausgesetzt ist, steht ihr noch bevor.

Hätten herkömmlichen Kriterien gegolten, wäre Habeck Kandidat geworden. Er hat als Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein Wahlen gewonnen, er hat die Grünen in eine Koalitionsregierung geführt und war sechs Jahre lang Minister und stellvertretender Ministerpräsident. Er hat Regierungserfahrung, zumindest auf…