Wer etwas Wildes will, muss im September Union wählen. Wer stille Seriosität bevorzugt, dem machen die Grünen ein passendes Angebot. Das ist das vorläufige Ergebnis der Kandidatenkür, die heute Morgen bei den Grünen abgeschlossen wurde, während CDU und CSU weiterkämpfen.

Annalena Baerbock hat sich gegen ihren Konkurrenten Robert Habeck in einem unaufgeregten Verfahren durchgesetzt. Ohne jede Regierungserfahrung könnte sie die nächste Bundeskanzlerin werden, womit ihr größtes Manko benannt ist. Sollte jemand, der noch nie ein Schiff geleitet hat, Kapitän auf einem Flugzeugträger werden? Nein, zu gefährlich. Auf dem maritimen Gebiet jedenfalls.

Aber Erfahrung ist nicht alles, was eine Bundeskanzlerin braucht, auch nicht das Wichtigste. Es sind insgesamt sechs Eigenschaften, um die es geht: Erfahrung, Charakter, Selbstdarstellung, Ideen, Machtwille, Integrationsfähigkeit. Niemand ist in allen Kategorien gut, Merkel hat bis heute Schwächen bei der Selbstdarstellung.

Was Machtwille, Selbstdarstellung und Integrationsfähigkeit angeht, hat Baerbock schon Talent gezeigt. Und nun kommt noch der Wahlkampf, Fest und Feuerprobe der Demokratie. Wenn sie da geschmeidig durchkommt, anders als zuletzt Peer Steinbrück oder Martin Schulz von der SPD, wenn sie überdies Charakter und Ideen zeigen sollte, wäre es kein allzu großes Wagnis, ihr das Bundeskanzleramt zu überlassen. Im Charakter von Söder steckt ein höheres Risiko für Deutschland.

Baerbock gehört in dieses Kandidatenrennen, nicht nur als Frau. Das war sicherlich ein Vorteil von ihr gegenüber Habeck, dass SPD und Union Männer aufbieten und eine feministische Partei wie die Grünen schlecht zulassen kann, dass im Kampf um Merkels Nachfolge keine Frau mitmischt. Aber Baerbock hat zum Beispiel durch couragierte Auftritte in Talkshows bewiesen, dass sie dem manchmal hochgradig verschwurbelten Habeck in der Selbstdarstellung einiges voraus hat.

Für die Grünen ist diese Kandidatur der nächste große Schritt auf…