Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für globale Probleme.

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Vor ein paar Wochen wurde Chile für seine Impfkampagne international gefeiert, das lateinamerikanische Land impfte zeitweise schneller als jedes andere der Welt. Die Chilenen sahen sich auf dem Erfolgsweg im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Zugleich stiegen die Fallzahlen rapide.

Die Gesundheitsexpertin Soledad Martínez warnte schon damals, der selbst ernannte »Impfweltmeister« sei gerade dabei, in der 87. Minute alles zu verlieren.

SPIEGEL: Kürzlich haben wir über die viel beachtete Impfkampagne der Chilenen gesprochen. Wie ist die Lage jetzt?

Soledad Martínez: Die Situation ist sehr besorgniserregend. Wir haben so viele Covid-Todesfälle wie nie zuvor in der gesamten Pandemie. Es gibt keine freien Intensivbetten mehr, obwohl wir deren Anzahl im vergangenen Jahr verdreifacht haben. Man kann sagen, dass unser Gesundheitssystem kollabiert ist. Zudem sind die Patienten auf den Intensivstationen deutlich jünger. Die Ärzte müssen täglich entscheiden, wer versorgt werden kann und wer nicht mehr. Ältere sterben wohl eher zu Hause.

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Foto: María Soledad Martínez Gutiérrez

Soledad Martínez, geboren 1974, ist Public-Health-Expertin und lehrt an der Universität von Chile. Sie hat an der University of California in Berkeley zum Thema Gesundheitspolitik promoviert und die chilenische Regierung bei der Digitalisierung des öffentlichen Gesundheitssystems beraten. Während der Corona-Pandemie organisierte sie Fortbildungen zum Thema digitale Kontaktverfolgung.

SPIEGEL: Wie konnte es dazu kommen?

Martínez: Es ist das Ergebnis verschiedener Faktoren. Wir Gesundheitsexperten haben immer davor gewarnt, zu schnell die Maßnahmen der sozialen Distanzierung aufzuheben, nur weil gewisse…