Nicht mehr lange, dann ist Atomstrom in der Bundesrepublik Geschichte. Von den sechs Kernkraftwerken, die noch laufen, sollen Ende dieses Jahres drei vom Netz gehen, die letzten drei dann Ende 2022. Deutschland hat bald ausgestrahlt, oder? Nicht ganz.

Unweit der Stadt Lingen mit ihren malerischen Treppengiebeln und Fachwerkhäusern steht ein sogenanntes Brennelementewerk: eine Fabrik, die sozusagen den Treibstoff für Atomkraftwerke herstellt. Und das wohl noch ziemlich lange: Der Betreiber Advanced Nuclear Fuels (ANF), eine Deutschlandtochter des französischen Staatskonzerns Framatome, hat nach eigenen Angaben Verträge bis ins Jahr 2032. Stand heute.

Während Deutschland also aus der Atomkraft aussteigt, fertigt das Werk im niedersächsischen Emsland fleißig weiter Brennstäbe – und exportiert sie in andere EU-Staaten. Nach Belgien zum Beispiel, ins AKW Doel, bei dem in einer Reaktorhülle 2015 rund 13.000 Risse entdeckt worden waren. Doel ist nur rund 160 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.

Das Bundesumweltministerium findet das schon länger unmöglich und fordert die Schließung der Fabrik. Das Bundeswirtschaftsministerium kann zumindest offiziell keinen Widerspruch erkennen. »Der Atomausstieg bezieht sich auf die gewerbliche Stromerzeugung in Kernkraftwerken«, schreibt es auf Anfrage, »nicht auf die Produktion von Brennelementen.«

Jetzt aber gibt es neuen Zoff um die Lingener Atomfabrik. ANF will die Produktion offenbar ausbauen – und plant ein Joint Venture mit der russischen Firma TVEL. 25 Prozent der Anteile wollen die Russen nach SPIEGEL-Informationen erwerben. Das wiederum findet man nicht nur im Umweltministerium bedenklich.

Stammte das Polonium im Litwinenko-Mord von TVEL?

Nach Paragraf 55 des Außenwirtschaftsrechts könnte TVELs Engagement eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung darstellen. Denn TVEL untersteht dem russischen Staatskonzern Rosatom, der sowohl zivile als auch militärische Atomtechnik produziert. Aus Sicht britischer…