40 Jahre jung und keinerlei Regierungserfahrung? Schwer vorstellbar, höre ich in meinem Bekanntenkreis. Viele können sich eher Robert Habeck als Annalena Baerbock im Kanzleramt vorstellen, das sagen auch Frauen. »Sie wäre die Erste, die ohne jede Regierungserfahrung in das höchste Amt in Deutschland käme«, schreibt Silke Mertins in der »NZZ am Sonntag« und nennt das »ein gewagtes Experiment«. Eine wichtige Voraussetzung, Vertrauen in eine politische Figur zu fassen, sei das Wissen um deren Erfahrung, meinte jüngst auch meine Kollegin Susanne Beyer in einem SPIEGEL-Kommentar. Hier sei Baerbock im Wettbewerb mit Habeck klar unterlegen: »Sie hat nie regiert.«

Selbstverständlich spielt das Kriterium Erfahrung für die Entscheidung an der Wahlurne eine Rolle. So gesehen hat Robert Habeck die besseren Chancen, das zeigen auch die derzeitigen Umfragen. Aber heißt das, Baerbock kann ohne Erfahrung keine gute Kanzlerin werden?

Wenn die Coronakrise eines zeigt, dann das: Regierungserfahrung wird überschätzt.

Wer trägt denn die Verantwortung dafür, dass Deutschland so schlecht durch die Pandemie kommt?

Angela Merkel: seit 16 Jahren Kanzlerin, davor sieben Jahre Ministerin.

Olaf Scholz: seit vier Jahren Bundesfinanzminister und Vizekanzler, davor Innensenator von Hamburg, Bundesarbeitsminister, Erster Bürgermeister von Hamburg.

Armin Laschet, seit vier Jahren Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, davor fünf Jahre Landesminister.

Markus Söder: seit drei Jahren Ministerpräsident, davor elf Jahre in Ministerämtern.

Allein Scholz, Söder und Laschet verfügen zusammen über mehr als 40 Jahre Regierungserfahrung. Aber obwohl sie Deutschland schlechter als andere Länder durch die größte Krise der Nachkriegszeit gesteuert haben, trauen sich die drei Herren zu, Kanzler zu werden. Die Liste ließe sich beliebig ergänzen: Wäre Jens Spahn, der genauso jung ist wie Baerbock, der bessere Kanzler, weil er bereits drei Jahre Staatssekretär und drei Jahre…