Entspannter regieren

Fragten wir uns gestern noch, was die Ministerpräsidentenkonferenz am Montag wohl alles beschließen und dann vergessen könnte, fragen wir uns heute, ob die Ministerpräsidentenkonferenz am Montag überhaupt stattfinden wird. Die Nachrichtenlage ist unübersichtlich – der Termin stehe auf der Kippe, heißt es. »Wir haben keinen Bedarf für neue Instrumente«, sagte Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Wozu also neue Beschlüsse treffen?

So sieht es auch ihr SPD-Kollege Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen, der einen bundesweiten Lockdown für »kurzatmigen Aktionismus« hält. Schließlich sei doch die Lage in den Krankenhäusern seines Bundeslandes »entspannt«. Ob die knapp 300 Patienten auf den Intensivstationen von Niedersachsen (ein Rekordwert) und vor allem die sie betreuenden Ärztinnen und Ärzte plus Pflegepersonal sich wohl auch so entspannt fühlen? Glaub man dem Leiter des Intensivregisters, Christian Karagiannidis, den meine Kollegin Katherine Rydlink interviewt hat, fühlen sie sich eher verzweifelt. Vielleicht liegt die »entspannte« Lage auch daran, dass über das Osterwochenende die meisten behördlichen Faxgeräte in Niedersachsen abgeschaltet waren?

Wie ernst die Lage wirklich ist, werden Jens Spahn und RKI-Chef Lothar Wieler heute in ihrer wöchentlichen Pressekonferenz berichten – ihr Auftritt wird langsam zu einem Ritual, ohne das kein Hauptstadtjournalist mehr guten Gewissens ins Wochenende starten kann. Wielers Institut meldet heute bundesweit 25.464 Corona-Neuinfektionen, an einem Tag. Wer das entspannt findet, muss in einem Paralleluniversum leben.

Wir erleben gerade eine frustrierende, beängstigende Hängepartie in dieser Coronakrise, in der es eigentlich dringend nötig wäre, dass alle an einem Strang ziehen. Stattdessen werfen manche politische Akteure ihre unausgegorenen Ideen in den Raum, andere sehen der Lage einfach schweigend zu, wieder andere verharmlosen den Ernst der dritten Welle….