Vor Beginn der Pandemie kündigte Enise Lauterbach ihren Job als Chefärztin und gründete ein Start-up. Ihr Ziel: die Medizin digitalisieren. Denn Sie hat einen Verdacht, warum Deutschland so schlecht durch die Krise kommt.

SPIEGEL: Frau Lauterbach, Sie waren Chefärztin in Trier und haben ausgerechnet kurz vor Beginn der Pandemie ihren Job gekündigt. Warum?

Lauterbach: Ich liebe meinen Beruf als Kardiologin – aber die Probleme, mit denen wir und unsere Patienten im Gesundheitssystem konfrontiert sind, haben mich dazu bewegt, etwas zu verändern. Deutschland steckt bei Innovationen teilweise noch in der Steinzeit.

Zur Person

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Foto: privat

Enise Lauterbach, 46, ist Fachärztin für Kardiologie mit Spezialisierungen in Rhythmologie und Herzinsuffizienzbehandlung. Sie war bis zum Sommer 2019 Chefärztin der kardiologischen Abteilung des Zentrums für ambulante Rehabilitation in Trier. Heute leitet sie das Start-up »Lemoa Medical«, dass Software für digitale Gesundheitsanwendungen entwickelt.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Lauterbach: Der Informationsaustausch ist grottig, um es salopp zu sagen. In Deutschland kommunizieren Ärzte untereinander immer noch per Telefon, Fax und über die Post. Die meisten Dokumente kommen mit dem Briefträger. Die Einführung der elektronischen Patientenakte ist 2003 beschlossen worden – und nichts hat sich getan.

Wenn ich eine Akte brauchte, ging das nur per Fax oder die Informationen waren tagelang mit dem Postboten unterwegs. Wenn für Patienten Termine für Nachsorge-Untersuchungen gemacht werden müssen, sind stundenlange Warteschleifen für uns Beschäftige im Gesundheitswesen keine Seltenheit. Das ist eine Katastrophe, das hat mich wahnsinnig gemacht, immerhin geht es hier um Menschenleben. Manche Befundübermittlung duldet keine Zeitverzögerung. Ich wollte dagegen etwas tun.

SPIEGEL: Dann kam die Pandemie.

Lauterbach: Ja, und sie hat uns gezeigt, dass Deutschland den Digitalisierungszug…