Den »Sozialismus hinter dem Antlitz eines Juristen« witterte die britische Presse in Keir Starmer, als er vor einem Jahr die Labour-Parteiführung übernahm. Anderen schien der damals 57-jährige ehemalige Menschenrechtsanwalt und frühere Chef der britischen Staatsanwaltschaft so sehr auf Konsens bedacht, dass es schwer abzusehen schien, wofür er als neuer Oppositionschef stehen würde. Er habe »schöne Anzüge«, konstatierte der britischen »Economist« immerhin. Einig waren sich hingegen alle darin: Starmer würde es nicht leicht haben in seiner neuen Rolle.

Allem Anschein nach hatten sie recht. Die Labour-Umfragewerte fielen jüngst, nachdem die Partei zwischenzeitlich mit den regierenden Konservativen gleichgezogen hatte. So steht die Opposition nur wenige Prozentpunkte besser da, als vor einem Jahr – trotz der verheerenden Fehlentscheidungen der Regierung Boris Johnsons. Dessen Tories hingegen profitieren mittlerweile stark vom erfolgreichen Impfmanagment.

Starmers Taktik der »konstruktiven Opposition«

Auch außerhalb der Partei waren die Umstände für Starmers Start widrig. Seine Ernennung fiel in die erste Welle der Pandemie, die Großbritannien schlimmer traf als jedes europäische Land. Statt von großen Bühnen musste er die Basis aus leeren Räumen per Videonachricht überzeugen. Wähler so zu begeistern, ist schwer.

Es sei ihm mit seiner Taktik der »konstruktiven Opposition« darum gegangen, »dass die Regierung erfolgreich ist, um Leben zu retten und den Lebensunterhalt (der Bürger) zu sichern«. Im nationalen Interesse verzichtete er auf parteipolitische Grabenkämpfe und Scheindebatten zu Profilierungszwecken.

Der Labour-Chef als »Käpt’n Nachhinein«

Dabei bleibt allerdings bislang unklar, wofür Starmer eigentlich steht und wohin er seine Partei lotsen möchte. Als »Captain Hindsight« – »Käpt’n Nachhinein« – bezeichnet die britische Presse ihn, wenn er mitunter das Offensichtliche fordert oder der Regierung beipflichtet. Als Roboter…