Der Mord an Sarah E., die abends auf dem Heimweg in London verschwand, hat in Großbritannien eine Diskussion über die weite Verbreitung und Wahrnehmung von sexualisierter Gewalt in der Gesellschaft ausgelöst. Im Englischen gibt es dafür einen eigenen Begriff: »Rape Culture«. Auf der Seite »Everyone’s Invited« wurden Tausende Berichte vor allem von Mädchen veröffentlicht, die von gleichaltrigen Schülern sexuell belästigt, bedrängt oder vergewaltigt wurden. Alle Berichte sind anonym und nicht überprüfbar.

Doch dass das Problem real ist, haben der Mord, die große öffentliche Anteilnahme und die vielen Berichte Betroffener gezeigt. Mehr als 100 private und staatliche Schulen stehen in der Kritik, darunter renommierte Institutionen wie Westminster School, Dulwich College oder Eton. Als Reaktion auf die Debatte hat das Bildungsministerium nun eine Notrufstelle für Betroffene eingerichtet. Die Polizei untersucht die Berichte.

Hinter der Kampagne »Everyone’s Invited« steht Soma Sara. Sie sagt, Schulen und Eltern müssen Sexualaufklärung überdenken und darüber sprechen, wie Smartphones, neue Technologien und Pornografie Sexualität von Teenagern beeinflussen.

SPIEGEL: Sie wollen mit ihrem Projekt gegen »Rape Culture« an britischen Schulen vorgehen. Was ist mit dem Begriff gemeint?
Sara: Das ist eine Gesellschaft, die bestimmtes Verhalten wie sexuelle Belästigung, abwertende sexistische Kommentare oder Begrapschen normalisiert. Solche Einstellungen führen dazu, dass sexualisierte Gewalt normalisiert und verharmlost wird. Andere Beispiele sind »Upskirting« – heimliches fotografieren unter Röcke – oder Teilen von intimen Bildern ohne Erlaubnis. Wenn all das als normal gilt, dann bereitet das den Weg für schwerwiegende Verbrechen wie sexuellen Missbrauch oder Vergewaltigung.

Zur Person

Bild vergrößern

Foto: Soma Sara

Soma Sara, 22, studierte Englische Literatur an der University College London. Im vergangenen Jahr gründete…