Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für globale Probleme.

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SPIEGEL: Herr Corbett, zuletzt ist die Zahl der Migranten, die versuchen die Grenze in die USA zu überqueren, stark angestiegen. Warum?

Dylan Corbett: Es gibt nicht den einen Grund. Grundsätzlich kommen im Frühling mehr Leute als sonst. Wir sehen sehr viele Menschen aus Guatemala und Honduras, aber auch eine stark ansteigende Migration aus Mexiko, ein kaum beachtetes Phänomen. Einerseits hat die Pandemie viele in die Arbeitslosigkeit und Armut getrieben, andererseits haben die verheerenden Hurrikans in Zentralamerika Millionen Menschen in eine absolute Notsituation gebracht.

SPIEGEL: Gab es so etwas wie einen Rückstau aufgrund der harten Migrationspolitik unter Ex-Präsident Donald Trump, der sich jetzt auflöst?

Corbett: Einige Menschen haben tatsächlich in Mexiko auf eine politische Veränderung gewartet, weil sie glaubten, dass sie unter der Regierung des neuen Präsidenten Joe Biden bessere Chancen haben, in die USA zu kommen. Aber das ist nur ein Faktor. Wenn jemand sagt, das sei der hauptsächliche Grund für den Anstieg der Zahlen, dann ist das eine politisch gefärbte Aussage.

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Foto: HOPE

Dylan Corbett, Jahrgang 1982, ist der Gründer der katholischen Hilfsorganisation HOPE, die Migranten an der mexikanisch-amerikanischen Grenze unterstützt. Corbett war in der Vergangenheit in Zentralamerika und Südasien im Bereich Entwicklungszusammenarbeit tätig. Derzeit arbeitet er in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, die aufgrund Hunderter Morde an Migrantinnen seit den 1990er-Jahren traurige Berühmtheit erlangte.

SPIEGEL: Dann gibt es den berühmten Biden-Effekt gar nicht?

Corbett: Es gibt Menschen, die hoffen, dass sie unter der Biden-Regierung an der Grenze menschlicher…