SPIEGEL: Als Präsident der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina haben Sie im Verlauf der Coronapandemie immer wieder mit Stellungnahmen bei der Politik interveniert. Wo stehen wir jetzt?

Haug: Die Bedrohung durch die dritte Pandemie-Welle wird in diesen Tagen immer deutlicher. Derzeit verdoppeln sich die Neuinfektionen im Bundesdurchschnitt etwa alle zwei Wochen – mit sich beschleunigender Tendenz. Das ist in 95 Prozent der Landkreise zu beobachten, auch in den sogenannten Modellregionen. Ohne stärkere Kontaktbeschränkungen würden im Laufe des April deutlich über 50.000 Neuinfektionen pro Tag auftreten.

Zur Person

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Der Paläoklimatologe Gerald Haug, Jahrgang 1968, ist Direktor der Abteilung Klimageochemie am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und seit März 2020 Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

SPIEGEL: Immer mehr Menschen mit besonders hohem Risiko sind inzwischen geimpft. Sind hohe Fallzahlen weiterhin so gefährlich?

Haug: Medizinerinnen und Mediziner warnen davor, dass sich das Infektionsgeschehen zunehmend auf jüngere Menschen verlagert. Damit besteht die Gefahr, dass das Gesundheitssystem abermals an seine Grenzen kommt. Wie man weiß, wirkt sich die Zahl der heutigen Neuinfektionen erst in drei bis vier Wochen auf die Belastung der Kliniken und Intensivstationen aus.

SPIEGEL: Ist der Eindruck denn richtig, dass wir immer noch nicht genau wissen, wie und wo sich das Virus in den vergangenen Monaten ausgebreitet hat?

Haug: Das könnte Ihnen besser ein Epidemiologe beantworten. Meines Wissens gibt es dazu noch keine vollständigen oder abschließenden Erhebungen, was auch an der Breite des Infektionsgeschehens liegt und der Inkubationszeit von fünf bis sieben Tagen.

SPIEGEL: Welche Rolle kann die Wissenschaft in der derzeitigen Krise spielen?

Haug: Ich kann hier nur als Präsident der Leopoldina sprechen. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben…