1. Die wechselnden Empfehlungen für den AstraZeneca-Impfstoff mögen verwirrend sein, sie zeigen aber nur, dass wissenschaftliche Erkenntnis täglich neu gewonnen wird

»Freiheit aushalten« hieß einmal ein Kabarettprogramm des damals noch jungen und mir sympathischen Kabarettisten Richard Rogler, an dessen Titel ich öfter denken muss – derzeit besonders wegen der fast täglichen Neuigkeiten über den Impfstoff AstraZeneca. Rogler bezog sich auf die Zumutungen der Demokratie. Menschen, die in einer freien Gesellschaft leben, müssen mit Widersprüchen, verstörenden Meinungen und überraschenden neuen Erkenntnissen klarkommen können. So ist es auch mit dem wissenschaftlichen Hin und Her in Sachen Impfstoff, das an den Nerven vieler Menschen zerrt.

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Stefano Dal Pozzolo / contrasto / laif

Erst sollte der AstraZeneca-Impfstoff nur unter 65-Jährigen gespritzt werden, weil die Wissenschaft bei der Anwendung an älteren Menschen Komplikationen oder eine ungenügende Wirksamkeit fürchtete. Mittlerweile halten es Fachleute wie Karl Lauterbach für richtig, den Impfstoff lieber nicht an Menschen unter 55 Jahren zu verabreichen, an ältere aber offenbar weiterhin. Und weil andere Wissenschaftler und Wissenschaftler wieder anderer Ansicht sind, wurden heute in Berlin und München vorläufig die Impfungen mit AstraZeneca für unter 60-Jährige gestoppt.

Anlass für die Zweifel, ob der AstraZeneca-Impfstoff für Jüngere geeignet ist, sind Fälle von so genannten Hirnvenenthrombosen, die bei Geimpften auftraten, mit zum Teil tödlichen Folgen. Eine Sprecherin des Berliner Klinikums Charité berichtete heute, dass »in der Zwischenzeit weitere Hirnvenenthrombosen bei Frauen in Deutschland bekannt geworden sind«. In der Charité selbst seien aber keine Komplikationen nach Impfungen mit AstraZeneca aufgetreten. Die Charité hat in der Pandemie bisher 16.000 Erst- und Zweitimpfungen an das eigene Personal verabreicht, davon die meisten mit dem…