Jugoslawien, der blockfreie Vielvölkerstaat im Südosten Europas, war ein relativ liberales sozialistisches Land. Die Grenzen waren offen, die Menschen durften reisen, und Touristen waren willkommen. Die Betriebe waren meist ökonomisch erfolgreich und nicht zentralstaatlich verwaltet, das Bildungsniveau war hoch. Doch nach dem Tod des langjährigen Staatschefs Josip Broz Tito begann die Fassade zu bröckeln – Unzufriedenheit und nationalistische Tendenzen fanden in einer schweren Wirtschaftskrise ihren Nährboden und rüttelten am Fundament des Landes. Das Jahr 1991 markierte das Ende Jugoslawiens. Es war der Anfang einer Reihe blutiger Kriege, die 30 Jahre später immer noch nachhallen sollten.

15 Autoren und Autorinnen aus den ehemaligen Teilrepubliken erzählen im Essayband „Archipel Jugoslawien“ über die Erinnerungen an damals, die Lasten von heute und die Hoffnungen von morgen.

Die kosovarische Schriftstellerin und Dichterin Blerina Rogova Gaxha ist eine der Autorinnen von „Archipel Jugoslawien“

Der Vergangenheit entfliehen

„Die Trennlinie zwischen denen, die von der Revolution träumten, und denen, die die Revolution machten, verlief ein paar Kilometer hinter unserem Haus. Aber was unvorstellbar ist, kann nicht passieren – bis es wirklich passiert“, schreibt die kosovarische Autorin Blerina Rogova Gaxha in ihrem Essay „Das leichte Leben“. „Meine Eltern erzählten von schönen Reisen, Studium in anderen jugoslawischen Republiken, fester Arbeit, vom ‚leichten Leben‘, doch für mich und für meine Generation war das nur eine Illusion“, sagt Blerina Rogova Gaxha im DW-Interview. Die Dichterin, Journalistin und Literaturwissenschaftlerin ist 1982 im Kosovo geboren, ihre Kindheit war geprägt von Angst und Mangel.

„Wenn ich irgendwo auf Wänden den Schriftzug „Kosova Republikë“ lese, erinnere ich mich an die Zeit, als ich noch acht oder neun Jahre alt war. Damals war es verboten und gefährlich, diese Worte in der Öffentlichkeit zu schreiben.“

Heute stehen…