Auf den ersten Blick wirkte der Vorgang noch normal. Dass etwas wohlhabendere Länder in Zeiten der Coronapandemie den etwas ärmeren Staaten mit Hilfsleistungen unter die Arme greifen, ist nicht ungewöhnlich dieser Tage. Am Mittwoch versprach der syrische Gesundheitsminister, dem Not leidenden Libanon in drei Tranchen 75 Tonnen Sauerstoff für die Beatmung von Covid-Patienten unentgeltlich zur Verfügung zu stellen.

Doch normal war so ziemlich nichts in dieser Angelegenheit.

In Syrien, jedenfalls in den zwei Dritteln des Landes unter Herrschaft von Baschar al-Assad, reagierten Menschen mit fassungslosem, wenn auch furchtsam stillen Ärger: »Das macht mich wahnsinnig. Meine Mutter in Aleppo erzählt mir, wie händeringend Patienten überall nach Sauerstoff suchen, und dann erfahren wir, dass tonnenweise ins Ausland gespendet wird«, sagte eine exilierte Ärztin.

Syriens Gesundheitssystem liegt seit Jahren am Boden

Syriens Gesundheitssystem liegt seit Jahren am Boden. Etwa die Hälfte der Krankenhäuser ist im Lauf des Kriegs zerstört worden, zumeist durch Bombenangriffe der syrischen und russischen Luftwaffe. Zwei Drittel des medizinischen Personals sind geflohen, ausgewandert oder tot. Der völlige Absturz des syrischen Pfunds auf fast ein Hundertstel seines Werts von 2011 macht Importe für die meisten unbezahlbar, auch wenn medizinische Artikel von den Sanktionen ausgenommen sind.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Behörden in Damaskus 51 Beatmungsgeräte zur Verfügung gestellt, insgesamt sind es nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums 185 in ihrem Bereich des Landes. Gerade mal ein Bruchteil dessen, was im weit kleineren Nachbarland Jordanien bereitsteht. Zudem hat die Covid-Pandemie Syrien seit Januar abermals mit großer, wiewohl wenig bekannter Wucht getroffen.

Die offiziellen Zahlen von 18.000 Infizierten und 1200 Toten bilden nur einen winzigen Bruchteil der tatsächlichen Opferzahlen ab. Für den Großraum von Damaskus ermittelte die…