Die weltweit fortschreitenden Impfkampagnen wecken die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Coronapandemie. Doch statt der viel beschworenen Herdenimmunität sprechen einige Wissenschaftler nun lieber von »neuer Normalität«. Eine Abwertung der Impfungen ist das jedoch nicht, denn sie haben nach wie vor das Potenzial, der Pandemie den Schrecken zu nehmen.

Nach Hochrechnungen kommt die Pandemie von selbst zum Stillstand, wenn ausreichend Menschen immun sind, entweder weil sie geimpft sind oder weil sie sich infiziert haben. Wann eine Herdenimmunität erreicht sein könnte, hängt davon ab, wie schnell sich ein Erreger ausbreitet. Epidemiologen bemessen das mit dem Reproduktionsfaktor, dem berühmten R-Wert, der selbst Laien inzwischen geläufig ist. Dieser hängt jedoch von vielen Faktoren ab, beispielsweise ob sich ansteckendere Varianten verbreiten oder ob sich Menschen an Hygieneregeln halten.

Anfangs gingen Experten davon aus, im Fall des neuen Coronavirus Sars-CoV-2 könnte Herdenimmunität erreicht werden, wenn 60 Prozent der Menschen im Land geimpft sind. Andere Schätzungen gehen inzwischen eher von 80 Prozent aus.

Freibier bei Impfung

Erste Wissenschaftler weichen bereits komplett von der Hoffnung auf Herdenimmunität ab. Der Datenexperte Youyang Gu benannte sein bekanntes Model »Der Weg zur Herdenimmunität« jüngst in »Weg zur Normalität« um, berichtet »Nature«. Laut dem Fachblatt gibt es fünf Gründe für die Zweifel an der Herdenimmunität:

Studie: Impfungen allein können Pandemie in absehbarer Zeit nicht stoppen

Laut einer vor Kurzem im Fachblatt »The Lancet Infectious Diseases« veröffentlichten Studie droht in Großbritannien eine dritte Welle, wenn Maßnahmen zu schnell gelockert werden. Impfungen allein könnten den R-Wert nach den Modellrechnungen nicht unter 1 drücken. Würden sofort alle Maßnahmen abgeschafft, schnellt der Wert demnach auf 1,58. 100 Infizierte würden dann im Schnitt 158 weitere Menschen anstecken, das Virus sich unweigerlich…