Der Lübecker Unternehmer Winfried Stöcker hat nach eigenen Angaben einen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt und diesen nicht nur sich selbst, sondern auch 100 Freiwilligen verabreicht – ohne Genehmigung. Er erhielt eine Strafanzeige, es laufe ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz, wurde ihm mitgeteilt. Stöcker sagt, er wolle mit dem Mittel kein Geld verdienen. Weil er den Impfstoff so schnell wie möglich der Allgemeinheit zur Verfügung stellen wolle, sei er den unkonventionellen Weg gegangen. Markus Löffler, Experte für klinische Studien, sagt im Interview, warum solche Untersuchungen streng reglementiert sind, eng von Behörden begleitet werden – und wann man bei einem Mittel tatsächlich von einem Impfstoff sprechen kann.

SPIEGEL: Herr Löffler, wir haben zwar einige zugelassene Impfstoffe gegen Covid-19 in Deutschland, aber immer noch zu wenig Impfstoff vor Ort. Der Lübecker Unternehmer Winfried Stöcker verkündete, er habe einen von ihm selbst entwickelten Impfstoff an 100 Menschen getestet. In der aktuellen Situation bedürfe es keiner »langwierigen Doppelblindversuche«. Man solle einfach die ersten 1000 Menschen impfen, wenn das gut ginge, 10.000 und dann den Rest. Ist es so simpel?

Löffler: Wenn jemand – wie in diesem Fall wohl geschehen – den Teil eines Virusproteins nachbaut und mit einem Wirkverstärker versieht, hat er einen Kandidaten für einen sogenannten Protein-Subunit-Impfstoff. Das ist ein etabliertes Konzept. Die Schöpfungshöhe ist an diesem Punkt eher gering. Erst, wenn der Nachweis erbracht wird, dass dieser Kandidat beispielsweise zu 70, 80 oder 90 Prozent vor einer Krankheit schützt und ausreichend sicher ist, kann man tatsächlich von einem Impfstoff sprechen. Dafür braucht es randomisierte, Placebo-kontrollierte Studien.

Zur Person

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Foto: Verena Müller / Universitätsklinikum Tübingen

Markus Löffler ist Arzt und leitet die Arbeitsgruppe chirurgische…