Wäre die Pandemie in Deutschland nicht real und bitterernst, sondern nur ein Theaterstück, dann wäre die Bühne zweigeteilt. Die eine Hälfte ist in Licht getaucht, zahllose Augenpaare richten sich auf sie, jeder Fehltritt, jeder falsche Ton, jede technische Panne wird vom Publikum mit empörtem Raunen quittiert.

Es ist jener Teil der Bühne, auf der die Corona-Maßnahmen und die, die sie einhalten oder auch nicht, gut sichtbar sind: die Spielplätze, die Theken der Bäcker, die Kassen der Supermärkte, die Friseure hinter ihren Glasfassaden, die Schulhöfe, die Strand- und Uferpromenaden deutscher Städte. Dort prangen die Hinweisschilder. Dort patrouilliert die Polizei. Dort drohen Bußgelder.

Die andere Hälfte der Bühne ist kaum ausgeleuchtet. Sehr wenige Menschen bekommen mit, was dort passiert, obwohl dort viel passiert. Doch kaum jemand im Publikum raunt auch nur.

Es wird kaum wahrgenommen, das Treiben in den Büros, in den Produktionshallen, auf den Baustellen und in den Werkstätten deutscher Unternehmen. Dabei wird die Frage, wo sich das Virus Sars-CoV-2 verbreitet und ob wir es eindämmen können, auch dort entschieden.

Seit Monaten viel zu laxe Regeln

Doch die Corona-Regeln, die für den schlecht ausgeleuchteten Teil der Arbeitswelt gelten, waren monatelang viel zu lax. Eine Umfrage der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung ergab, dass im November nur 14 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland überwiegend oder ausschließlich zu Hause gearbeitet haben. Im vergangenen April, kurz nach Beginn der Pandemie, waren es noch 27 Prozent.

Und was dort passiert, wo Menschen weiterhin in mehr oder weniger gut belüfteten Innenräumen mit mehr oder minder großem Abstand nebeneinander arbeiten, wird selten öffentlich bekannt. Die wenigsten Ansteckungen mit Sars-CoV-2 lassen sich eindeutig zuordnen, warnte das Robert Koch-Institut Mitte März erneut. Klar sei jedoch, dass es auch im beruflichen Umfeld zu »zahlreichen Häufungen« komme.

Im Januar versuchte…