Wahlen in Corona-Zeiten machen außergewöhnliche Maßnahmen nötig. So sollen in Israel spezielle Busse auch Infizierten die Stimmabgabe ermöglichen. Ob Benjamin Netanjahu Ministerpräsident bleiben kann, ist trotz erfolgreicher Impfkampagne ungewiss.

Häufig hat er in seinem Leben noch nicht gewählt. „Vielleicht zwei Mal“, sagt Or, Fitnesstrainer aus Tel Aviv. Möglichkeiten dafür hätte der 31-Jährige mehr als doppelt so viele gehabt, doch inzwischen ist er wahlmüde. Nach Berechnungen des Israel Democracy Institute (IDI) waren die Abstände zwischen Parlamentswahlen in keinem Land in den vergangenen 25 Jahren kürzer als hier. Das Mittelmeerland stecke in der längsten politischen Krise seiner Geschichte, sagt IDI-Präsident Jochanan Plesner.

Netanjahu – Spitzname „Bibi“ – ist seit 2009 durchgängig Ministerpräsident und der am längsten amtierende Regierungschef des Landes. Viele junge Israelis kennen keinen anderen. Im Wahlkampf setzt er vor allem auf außenpolitische Erfolge wie die Annäherung an arabische Golfstaaten – und auf die rasante Impfkampagne. Netanjahu will, dass die „Vaccination Nation“ Israel als erster Staat die Coronakrise hinter sich lässt. Die Chancen dafür stehen gut. Und dennoch könnte der Likud laut Umfragen Sitze im Parlament verlieren.

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Rechts oder Links?

Hierfür gibt es mehrere Gründe: So läuft gegen Netanjahu ein Prozess. Als erster amtierender Ministerpräsident Israels muss er sich vor Gericht gegen Korruptionsvorwürfe wehren. Seit dem Sommer gibt es jeden Samstag im ganzen Land Proteste gegen ihn. Am vergangenen Samstag zogen nahe Netanjahus Amtssitz in Jerusalem Berichten zufolge rund 20.000 Menschen auf die Straßen. Mit einer Rechtskoalition könnte Netanjahu versuchen, eine Verurteilung zu verhindern.

Viele hadern zudem mit seinem Kurs während der Coronakrise: Die täglichen Infektionszahlen lagen 2020 über denen in vielen anderen Ländern, die Lockdown-Phasen waren sehr lang, viele Menschen…