1. Zupacken, zumachen

Das Offensichtliche, das Funktionierende, das Intuitive in Regeln pressen zu wollen, das macht den Bürokraten aus. In den Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn heißt es: »Der Reisende darf die Notbremse oder die Türnotentriegelung nur bei Gefahr für seine Sicherheit, die Sicherheit anderer Reisender, anderer Personen oder des Zuges betätigen.« In den Zügen und Bahnen steht auf jeder Notbremse: »Missbrauch strafbar«. Richtige Vorschrift, sinnvolle Warnung, aber wenn es brennt im ICE oder wenn im Bahnhof ein Kind auf die Gleise fällt, kommt es darauf an, dass jemand beherzt zupackt, ohne einen Gedanken an die drohende 200-Euro-Strafe zu verschwenden.

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Foto: Westend61 / Getty Images

Jetzt rast die nächste Corona-Welle auf Deutschland zu, die Kurven und Statistiken zeigen es. »Gerade bei den 20- bis 59-Jährigen steigen die Fallzahlen«, berichtet meine Kollegin Julia Köppe. »Noch deutlicher ist der Zuwachs bei Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahre.« Und wir öffnen und lockern. Eltern überwinden ihre Angst und schicken ihre Kinder in Kitas und Schulen, obwohl vielerorts die Schnelltests und Lüftungen fehlen (hier mehr). Büroarbeiter wagen sich wieder aus dem Homeoffice in den Großraum. Geschäfte machen auf, hier und dort soll es wieder Essens-Einladungen geben. Wenn es ganz schlecht läuft, droht das Szenario, vor dem Virologe Christian Drosten schon lange warnt: Die Alten sind geimpft, bei den Jüngeren explodieren die Zahlen, die Intensivstationen füllen sich mit 40-, 50-, 60-Jährigen.

Bund und Länder hatten vereinbart: Bei einer Inzidenz von 100 ziehen wir die Notbremse. Jetzt müssten in einigen Regionen viele Hände beherzt zupacken und an ihr reißen, doch manche Gegenden wollen davon nichts wissen. Plötzlich kennt die Kreativität der Bürokraten keine Grenzen – mal wird »bereinigte 7-Tage-Inzidenz« eingeführt, mal der Grenzwert einfach auf 200 hochgesetzt, mal getrotzt: Bei einem…