Christian Lindner hatte sich diese kleine Erzählung frühzeitig zurechtgelegt, schon vor Wochen. Er erzählte sie gelegentlich im kleineren Kreis. Am Wahlsonntag konnte er sie dann zücken: Zum »ersten Mal« in der Geschichte der Bundesrepublik sei mit der Wahl in Rheinland-Pfalz eine Ampelkoalition »bestätigt« worden.

Der FDP-Chef erinnerte daran, dass die FDP immer dann, wenn sie sich bislang an einer Koalition mit SPD und Grünen beteiligte, in der Folge aus den Landtagen flog.

1994 war das in Brandenburg so, ein Jahr später in Bremen. Rheinland-Pfalz durchbricht nun diesen liberalen Fluch.

Die Ampel, sie kann in Mainz wahrscheinlich weiterregieren, sogar mit einer ausgebauten Stimmenmehrheit im Landtag – allerdings nicht dank gestärkter FDP, sondern der Grünen. Den Schönheitsfehler werden die Liberalen wohl hinnehmen müssen. Und in Baden-Württemberg tut sich nach diesem Sonntag ebenfalls die Ampel-Option auf. Auch wenn, das zeigt eine ZDF-Umfrage am Sonntag, 60 Prozent der Grünenanhänger im Südwesten und 70 Prozent der CDU-Anhänger vor dem Wahlausgang für eine Fortsetzung der Grün-Schwarzen-Koalition waren. Das ist für eine Ampel womöglich eine Bürde. FDP-Landeschef Michael Theurer und Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke wollen »ergebnisoffen« in mögliche Gespräche mit dem Grünenwahlsieger Winfried Kretschmann gehen, kündigten sie am Wahlabend in Stuttgart an.

Völlig offene Bundestagswahl

Aber die entscheidende Debatte für Lindner und die FDP spielt ab diesem Montag in Berlin: Wie hält es die FDP mit einer Koalition mit SPD und Grünen im Bund? Die Schwäche der Union, die anhaltende Pandemie, der absehbare Abgang Angela Merkels als Kanzlerin, die bislang schwachen Umfragewerte für den CDU-Chef und möglichen Kanzlerkandidaten Armin Laschet – all das macht die Bundestagswahl im September zu einer offenen Wahl.

FDP-Chef Lindner nennt die Erfolge in Mainz und Stuttgart einen »starken Auftakt« im Wahljahr 2021, er kann sich nun alle Optionen…