SPIEGEL: Gemessen an ihren eigenen üblen Standards haben Myanmars Sicherheitskräfte in den ersten vier Wochen nach dem Putsch mit einer gewissen Zurückhaltung agiert. Das ist eindeutig vorbei, Dutzende Demonstranten sind in den vergangenen Tagen erschossen worden. Wie lautet der neue Marschbefehl?

Zur Person

Icon: vergrößern

Foto: crisisgroup.org

Der Politikanalyst Richard Horsey arbeitet als Senior Advisor für Myanmar bei der International Crisis Group. Er beobachtet das Land seit rund 25 Jahren und hat dort wiederholt gelebt.

Horsey: Ich kenne keine Details der Einsatzregeln, aber seit Sonntag ist das Gewaltniveau signifikant gestiegen. Vorher gab es einzelne Fälle tödlicher Gewalt, doch keinen Versuch, die Proteste rundweg niederzuschlagen. Was wir nun sehen, sieht nach einer konzertierten Anstrengung der Sicherheitskräfte aus, ebendies zu erreichen. Nicht nur, dass Proteste gewaltsam aufgelöst werden, es gab auch gezielte Tötungen von Flüchtenden. In mindestens einem Fall wurde jemand erschossen, nachdem er verhaftet worden war.

SPIEGEL: Was sind das für Truppen, die jetzt in die Städte entsendet werden?

Horsey: In den Straßen von Yangon und Mandalay sind die 77. und die 99. Division der leichten Infanterie unterwegs. Das sind Schocktruppen von der Front, die normalerweise in schwerste bewaffnete Konflikte geschickt werden. Dafür sind sie ausgebildet, das sind sie gewohnt. Sie waren an den Gräueltaten gegen die Rohingya beteiligt. Die Gewalt geht aber nicht nur vom Militär aus, sondern auch von der Polizei, die mit Sturmgewehren ausgerüstet ist und diese einsetzt. Innerhalb der Polizei gibt es sogenannte Sicherheitsbataillone, das sind kampfbereite Polizisten, die polizeiliche Aufgaben etwa in den Gebieten der ethnischen Minderheiten wahrnehmen.

»Wir haben eine Menge Kopfschüsse gesehen. Das ist kein Waffengebrauch als letztes Mittel.«

SPIEGEL: Das alles klingt nicht nach Polizeiarbeit, sondern nach Krieg. Was ist die…