SPIEGEL: Mindestens 18 Menschen haben bei den Demonstrationen am Sonntag ihr Leben verloren. Wo waren Sie an diesem Tag?

Min Ant Thoon: Ich war in Yangon, vor einem kleinen Bahnhof an der Hledan Road, das ist eine wichtige Hauptverkehrsstraße. Demonstranten hatten dort eine mannshohe Barrikade errichtet. Es war zwischen 9.30 und 10 Uhr, als auf der anderen Seite der Barrikade die Sicherheitskräfte vorrückten. Erst feuerten sie Tränengas, dann explodierte eine Blendgranate. Dann hörte ich Schüsse. Ein junger Mann in meiner Nähe wurde getroffen.

Zur Person Min Ant Thoon

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Foto: Min Ant Thoon

Der Myanmare Min Ant Thoon ist 32 Jahre alt und Fotoreporter bei der Online-Nachrichtenagentur »O Media« in Yangon.

SPIEGEL: Was geschah dann?

Min Ant Thoon: Alle sind auseinandergerannt und haben Deckung gesucht, hinter parkenden Autos, in Läden. Sieben oder acht Leute haben den verletzten jungen Mann in eine Seitenstraße getragen. Es waren Krankenwagen in der Nähe, kamen aber nicht durch, sie mussten Umwege durch die Gassen fahren. Der junge Mann ist noch vor Ort gestorben. Das Projektil war in sein Auge eingedrungen.

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Geschosshülsen, die Demonstranten aufgelesen haben

Foto: Min Ant Thoon

SPIEGEL: Hatte die Gewalt damit ein Ende?

Min Ant Thoon: Nein. In der Nähe liegt eine Grundschule, viele Demonstranten haben sich dorthin geflüchtet. Die Barrikade gab ihnen Sichtschutz. Trotzdem hat ein Mann vor der Schule einen Schuss in den Bauch abgekriegt. Vom Winkel her kann es nicht sein, dass er von jemanden angeschossen wurde, der vor der Barrikade stand.

SPIEGEL: Ein Scharfschütze?

Min Ant Thoon: Der Schuss kam jedenfalls von der anderen Seite. Die ganze Straße war voller Blut. Helfer konnten die Wunde nicht stillen. Auch dieser Mann ist gestorben. Zwei Tote, sieben Verletzte, teils mit Beinschüssen, das war die Bilanz in Hledan.

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Rettungssanitäter versorgen einen…