Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) dieser Tage erfahren. Erst hat sie mit merkwürdigen Entscheidungen Zweifel an ihrer Unterstützung für Alexej Nawalny geweckt, den derzeit prominentesten politischen Häftling Russlands. Das beschädigte ihren Ruf. Der Spott kam kurz darauf durch kremltreue russische Telefonbetrüger, die die Spitze von Amnesty in ein peinliches Gespräch verwickelten und es veröffentlichten.

Der Mann, um den es dabei geht, braucht den Schutz der Menschenrechtsaktivisten dabei so dringend wie selten zuvor. Derzeit ist nämlich nicht einmal Nawalnys Aufenthaltsort bekannt. Er befindet sich irgendwo auf dem Weg durch das russische Gefängnissystem, um eine mehrjährige Haftstrafe wegen angeblichen »Betrugs« anzutreten. Im Untersuchungsgefängnis »Matrosenruhe«, wo er bisher einsaß, ist er jedenfalls nicht mehr, erfuhren seine Anwälte am Donnerstag.

Status als »Prisoner of Conscience« entzogen

Gegen die Inhaftierung Nawalnys gleich bei seiner Rückkehr aus Deutschland – wo er sich von einem Giftanschlag mit dem Nervenkampfmittel Nowitschok erholt hatte – hatte Amnesty International im Januar laut protestiert. »Nawalny wird nach Festnahme bei Ankunft in Moskau Gewissensgefangener«, so stand es in der Pressemitteilung der Organisation. »Gewissensgefangener« oder »Prisoner of Conscience« ist ein Begriff, den AI-Gründer Peter Benenson vor mehr als einem halben Jahrhundert prägte. Er bezeichnet gewaltlose politische Gefangene – Menschen also, die dafür verfolgt werden, dass sie ihrem Gewissen folgen.

Aber nur einen Monat später hat AI seine Unterstützung für Nawalny offenbar eingeschränkt. Zwar nennt die Menschenrechtsorganisation dessen Verfolgung weiter politisch motiviert und fordert seine Freilassung. Aber »im Lichte neuer Informationen, die kürzlich aufgetaucht sind«, sehe die Organisation sich »nicht imstande, Alexej Nawalny weiter als…