SPIEGEL: Frau Wagenknecht, die Linke wählt nach fast neun Jahren eine neue Führung. Sie selbst waren nie Parteichefin, obwohl Sie manche gern auf dem Posten gesehen hätten. Warum wollten Sie nicht?

Sahra Wagenknecht: Man sollte seine Stärken und Schwächen kennen. Als Parteivorsitzende muss man sehr nach innen arbeiten, Konflikte moderieren. Mir liegt eher, unsere Politik nach außen zu tragen.

SPIEGEL: Also stimmt es, was man in der Partei über Sie sagt: Sie hatten nie Lust auf Gremiensitzungen und klassische Parteiarbeit?

Wagenknecht: Gremien gehören dazu, aber mir jedenfalls machen andere Dinge Spaß: öffentliche Veranstaltungen, der Kontakt zu den Menschen, das Werben für soziale Ideen.

SPIEGEL: Halten Sie Parteien als Orte der politischen Willensbildung für überschätzt?

Wagenknecht: Parteien erfüllen leider ihre Funktion immer weniger. CDU und SPD waren mal Volksparteien mit Hunderttausenden aktiven Mitgliedern, fest verankert in wichtigen gesellschaftlichen Institutionen. Das ist vorbei. Die Parteien in Deutschland verlieren zunehmend den Kontakt zu den normalen Menschen, ihnen fehlt die Erdung. Zugleich ist die Konzentration von Vermögen und wirtschaftlicher Macht enorm gewachsen und damit der politische Einfluss wirtschaftlicher Interessengruppen. Allein über Parteien funktioniert Demokratie nicht mehr.