Italien soll die Weltgesundheitsorganisation (WHO) über den Stand seiner Pandemiepläne getäuscht haben – diesen Vorwurf erheben Anwälte, die Familien von Corona-Opfern im Rahmen mehrerer Klagen vertreten. Grundlage für die Vorwürfe ist ein Bericht, den das italienische Gesundheitsministerium am 4. Februar 2020, weniger als drei Wochen vor den ersten offiziellen Covid-19-Fällen in Italien, an die WHO übermittelt hatte. Das Dokument liegt dem SPIEGEL vor.

Darin heißt es unter anderem, die italienischen Pandemiepläne würden »regelmäßig getestet und aktualisiert«. Auch die Koordinierung von Notfallmaßnahmen würde turnusgemäß evaluiert und überarbeitet. In beiden Bereichen stufte sich Italien daher selbst auf »Level 5« ein – die Spitzenbewertung.

Wenige Wochen nach Abgabe des Dokuments wurde das Land von der ersten Corona-Welle überrollt. Bilder von überfüllten Intensivstationen und Armeefahrzeugen, die Tote abtransportierten, gingen um die Welt. In manchen Krankenhäusern wurden Patienten auf den Fluren untergebracht, mussten sich Beatmungsgeräte teilen, Ärztinnen und Ärzte schliefen teils auf und unter den Tischen. Es waren Wochen voller Chaos. Seit Beginn der Pandemie sind mehr als 96.000 Italiener gestorben.

Seither fragen sich Angehörige, Juristen und die Öffentlichkeit: Hätte das verhindert werden können?

Der 34-seitige Bericht an die WHO entstand auf Grundlage der Internationalen Gesundheitsvorschriften, einem Vertrag von 196 Staaten zur Eindämmung von Krankheiten und Epidemien. Die Unterzeichner sind dazu angehalten, der Weltgesundheitsorganisation jährlich eine Analyse über den Stand der nationalen Krisenpläne zu übermitteln. Die Bewertungen beruhen auf standardisierten Fragebögen. Der für Prävention zuständige Generaldirektor im italienischen Gesundheitsministerium übermittelte schließlich per E-Mail das Ergebnis.

Doch die darin gemachten Versprechen haben der Wirklichkeit nicht standgehalten. Schon im vergangenen Mai war zur…