Schon beim Gang durch den Supermarkt fallen sie ins Auge: die grünen Sticker mit dem »CO2-neutral«-Siegel. Davon gibt es mittlerweile so viele, dass die Welt schon fast gerettet sein müsste. Ob Kaffee, Zahnbürsten oder Geflügelfleisch – alles Klimaretter, könnte man meinen.

Natürlich stimmt das nicht – bei keinem Produkt. Der Kaffee wird aus Mittelamerika via Schiff nach Deutschland gebracht, das Fleisch in CO2-intensiver Massentierhaltung produziert und auch die Herstellung der Plastikzahnbürste hat einen Klima-Fußabdruck.

Das Klimaneutral-Siegel ist ein geschickter Griff in die Marketingkiste: Die Unternehmen spenden an Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern – angeblich in der Höhe, wie sie CO₂ für ihr Produkt ausstoßen. Dafür bekommen sie dann CO2-Gutschriften. Aus der Spende an Öko-Projekte wird so ein »klimaneutrales« Produkt.

Doch die Sache hat gleich mehrere Haken: Zu welchem Preis haben die Firmen ihre Zertifikate erworben? Waren sie vor Ort, um sich vom Klimanutzen der Projekte zu überzeugen? Oder kennen sie nur die bunten Bilder der Projektbetreiber? Von wem wird kontrolliert, ob wirklich CO₂ eingespart wird?

Diese Fragen stellen sich derzeit auch die rund 200 Staaten des Weltklimaabkommens: Denn die Kompensation will die Uno künftig auch unter dem Dach des Pariser Abkommens zulassen. Bald könnten nicht nur Unternehmen, sondern auch Staaten ihre Klimaziele mit den Gutschriften aufbessern – oder beim Verkauf solcher daran verdienen. Der Uno-Klimabeauftragte und ehemalige Chef der Bank of England, Mark Carney, hat nun zusammen mit Unternehmen aus der Finanzbranche eine »Taskforce« gegründet, um dem globalen CO2-Handel neuen Schwung zu geben.

Sein Ziel: Den heutigen 300-Millionen-Dollar-Markt auf bis zu 100 Milliarden ausweiten. Schon in zehn Jahren könnte der Handel mit Treibhausgas-Gutschriften auf einen Umfang 50 Milliarden Dollar pro Jahr zulegen, schätzt die Unternehmensberatung McKinsey in einem aktuellen Bericht.

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