Ein Zelt reiht sich an das nächste, über Kilometer hinweg, bis zum Horizont. Dazwischen: Menschen. Frauen, Kinder, Alte, Kranke. Manche tragen nur Fetzen am Leib. Viele dösen vor sich hin.

Idlib, das war einmal eine wohlhabende Provinz im Nordwesten Syriens, unmittelbar an der Grenze zur Türkei. Heute, nach knapp zehn Jahren Bürgerkrieg, ist Idlib ein einziges, riesengroßes Flüchtlingslager. Hunderttausende Menschen sind vor dem Regime von Diktator Baschar al-Assad hierher geflohen, in einen der letzten Landstriche, der von Rebellen kontrolliert wird. Zwei Millionen Menschen leben laut Schätzungen von Hilfsorganisationen in Lagern, in Zelten oder Holzverschlägen, insgesamt halten sich rund vier Millionen in der Provinz auf.

Männer posieren am Straßenrand mit Waffen

Die Weltgemeinschaft hat die Syrerinnen und Syrer weitgehend vergessen. Die USA und die EU unternehmen fast nichts, um das Morden zu stoppen. Russland, die Türkei und Iran teilen Syrien unter sich auf. Die EU-Staaten sind noch nicht einmal bereit, den Binnenvertriebenen zu helfen. Europa existiert in Idlib nicht. Hilfe kommt, wenn überhaupt, von der Türkei und, stark eingeschränkt, von der Uno.

Wer sich aus der Türkei auf den Weg nach Idlib macht, hat das Gefühl, einen rechtsfreien Raum zu betreten. Männer posieren am Straßenrand mit Waffen, Kinder betteln um Essen. In den Zeltlagern gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser.

Rashel, 34 Jahre alt, Mutter von vier Kindern, sitzt im Rollstuhl, seit sie bei einem Luftangriff durch das Assad-Regime schwer verletzt wurde. Sie ist aus dem Süden Idlibs in ein Lager im syrisch-türkischen Grenzgebiet geflohen. »Wir mussten einfach nur weg«, sagt sie. Einer ihrer Söhne hat es über die Grenze nach Gaziantep geschafft. Rashels sehnlichster Wunsch ist es, ihm zu folgen. Die türkische Regierung aber hat den Weg mit einer Betonmauer versperrt.

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Geflüchtete Rashel: »Europa ist kein Ort, den wir erreichen…