SPIEGEL: Herr Dilmaghani, vor einem Jahr tötete in Hanau ein Attentäter neun Menschen mit ausländischen Wurzeln, seine Mutter und schließlich sich selbst. Wo waren Sie, als das Attentat passiert, wie haben Sie davon gehört – und was haben Sie damals gedacht?

Dilmaghani: Ich war daheim. Die ersten Meldungen klangen nach Bandenkrieg. Erst allmählich wurde das ganze Ausmaß des rassistischen Terroranschlags sichtbar. Wir haben untereinander über Trauer und Wut gesprochen.

SPIEGEL: Und was denken Sie ein Jahr danach? Wofür steht dieses Attentat?

Dilmaghani: Dafür, dass die rassistischen Morde in Deutschland kein Ende nehmen. Dafür, dass es jederzeit wieder passieren kann. Und dafür, dass viel zu wenig passiert, damit Deutschland eine antirassistische Gesellschaft wird.

SPIEGEL: Das Attentat war schnell aus den Schlagzeilen verschwunden. Hat die Corona-Epidemie die Themen Rechtsextremismus und Rassismus verdrängt?

Dilmaghani: Das habe ich im vergangenen Jahr sehr deutlich bemerkt, auch in der Berichterstattung. Meine Befürchtungen gehen aber noch weiter. Gerade aus dem rechtsradikalen Milieu kennen wir Verschwörungstheorien, die Krankheiten mit Rassismus vermischen, die vom eingeschleppten Virus sprechen, dem nun die Deutschen zum Opfer fielen. Hinzu kommt die Verschmelzung von Corona-Leugnern, Skeptikern, Esoterikern, Reichsbürgern und Rechtsradikalen auf den Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Das ist ein gefährliches Potenzial.

Zur Person

Foto: DeutschPlus e.V.

Farhad Dilmaghani ist Gründer und ehrenamtlicher Vorsitzender von DeutschPlus e.V. – einer Initiative für Chancengleichheit und gegen Rassismus und Diskriminierung in Deutschland. Als ehemaliger Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung war er verantwortlich für die Bereiche Arbeit und Integration. Außerdem war er fünf Jahre im Bundeskanzleramt als Referent für Grundsatzfragen sowie Bildung und Forschung zuständig. Gemeinsam mit dem Wissenschaftler Dr. Matthias Quent und dem…