1. Die staatlichen Solidaritätsbekundungen zum Jahrestag des Anschlags von Hanau sind gut, noch besser wäre die entschiedene Aufklärung der Terrortat.

»Lobe oft. Bewundere selten. Tadele nie.« Das hat der 1942 von Nazi-Schergen umgebrachte Schriftsteller Walter Serner geschrieben. Und diese Losung Serners, dessen berühmtes Manifest »Letzte Lockerung« schon wegen des Titels gerade sehr gut in unsere Zeit passt, kann natürlich auch als heimliche Motto der »Lage am Abend« herhalten.

In Hanau wird heute der Ermordeten gedacht, die ein offensichtlich rechtsradikaler und rassistischer Täter vor einem Jahr erschoss. Ich bin mir nicht sicher, wie lobenswert die Versuche von deutschen Politikerinnen und Politikern wirklich sind, sich am Jahrestag des Anschlags solidarisch mit den Ermordeten und ihren Angehörigen zu zeigen. Ganz bestimmt große Anerkennung verdient die Arbeit meiner Kollegin Özlem Gezer und meines Kollegen Timofey Neshitov, die lange und gründlich mit den Überlebenden des Attentats und den Angehörigen der Ermordeten gesprochen haben – und recherchiert haben, wie unvollständig die Aufklärung der Mordserie von Hanau bis heute ist.

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Milos Djuric / DER SPIEGEL

Vor seinem Besuch bei der heutigen Gedenkveranstaltung in Hanau hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Trauerbeflaggung an seinem Amtssitz im Berliner Schloss Bellevue angeordnet. Schon gestern haben in Frankfurt Demonstranten auf die vielen ungeklärten Fragen im Zusammenhang mit den Morden von Hanau hingewiesen. Zu denen gehört auch die Frage danach, warum der Mörder von Hanau vor seiner Tat trotz psychischer Auffälligkeiten und Anzeichen der Radikalisierung nicht auf dem Radar der Behörden war, die für die Beobachtung von gewaltbereiten Extremisten zuständig sind. Im Interview mit dem Kollegen Yannick Ramsel sagt der Rechtsextremismusforscher und politische Soziologe Matthias Quent: »Den meisten, die rechtsradikal denken oder handeln, sieht man das nicht…