Es gibt eine Szene in diesem Roman, die könnte wohl kaum israelischer sein. Mendi, ein in die Jahre gekommener Künstler, sitzt in einem Moschaw – einer Art Kibbuz – und schält Orangen, die er selbst geerntet hat. Im Moschaw ist es ruhig, nur Abigail, seine Psychotherapeutin, ist da. Eigentlich ein romantisches Bild. Doch die beiden plaudern nicht einfach so im Obstgarten. Nein, der Künstler erzählt von den Menschen, die er einst getötet hat und die nun in seinen Träumen zu ihm kommen, um sich an ihm zu rächen. Er berichtet – Orangenscheibe für Orangenscheibe – „wie er getötet hatte, mit dem Messer, durch Erdrosseln und mit der Pistole, immer lautlos auf Armeslänge.“

Yishai Sarids neuer Roman „Siegerin“ dringt tief ein in die Psyche von Soldatinnen und Soldaten und damit in die Psyche der israelischen Gesellschaft.  Denn in Israel muss praktisch jeder und jede Wehrdienst leisten – Männer und Frauen, etwa zwei bis drei Jahre. Nur Ultraorthodoxe und arabische Israelis sind von dieser Pflicht befreit. Seit der Gründung des Staates – und davor – wurden viele Kriege gekämpft, gegen Ägypten, Syrien, den Libanon. Und immer wieder: Der Konflikt mit den Palästinensern im besetzten Westjordanland und im Gazastreifen.

Psychologen sind Teil moderner Armeen

„Das ist die Realität“, sagt Yishai Sarid im DW-Gespräch. „Israel rekrutiert junge Leute, 18 Jahre alt, fast noch Kinder, und manche von ihnen müssen in Kampfeinheiten und von Zeit zu Zeit töten. Sie wachsen auf wie auch meine Kinder aufwachsen. Sie lieben ihr Smartphone und töten kein Hühnchen mit der Hand, sondern kaufen es sauber abgepackt im Supermarkt. Man muss ihnen das Töten erst beibringen. Das ist faszinierend und tragisch zugleich.“

Hat keine Berührungsängste vor heiklen Themen: Yishai Sarid

Genau das ist der Job von Abigail, der Protagonistin des Romans. Als Psychologin der israelischen Streitkräfte hält sie Vorträge vor Offizieren, wird aber auch unmittelbar an die Frontlinien geschickt, um…