1. Ohne ein Publikum, das Bierkrüge schwenkt und Bosheiten bejubelt, fielen die diesjährigen Aschermittwochsreden sehr zahm aus

Am Aschermittwoch wird nach alter Karnevalstradition der Spaß zwar grundsätzlich eher kleingeschrieben, für Politikjournalistinnen und Politjournalisten ist dieser Tag trotzdem in der Regel ein Festtag. Das gilt vor allem in Bayern, wo das politische Personal in Aschermittwochsreden gewöhnlich vor einem mit Bierkrügen versorgten Publikum zum Poltern und Polemisieren aufgelegt ist. Meine Münchner SPIEGEL-Kollegin Anna Clauß hatte in ihrem Homeoffice heute sogar ein Dirndl angezogen, weil sie ihre Arbeit in tagesangemessenem Outfit verrichten wollte.

In seiner wegen der Pandemie diesmal nur virtuell dargebotenen Aschermittwochsrede sprach CSU-Chef Markus Söder unter anderem über die Anti-Corona-Maßnahmen und versprach: »Wir werden diese Prüfung bestehen, wir werden an dieser Prüfung nicht zerbrechen.« Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet sprach bei der digitalen CSU-Veranstaltung ein Grußwort und sagte, er sei stolz darauf, dass er als erster CDU-Chef den »politischen Olymp« betreten dürfe – den Aschermittwochsradau der CSU. Beim offiziell in München angesiedelten virtuellen FDP-Aschermittwoch sagte FDP-Chef Christian Lindner, er fühle sich durch die Lockdown-Politik an »Stubenarrest« erinnert und forderte ein Vorziehen des nächsten Corona-Gipfels in Berlin.

»Ich kenne den politischen Aschermittwoch noch aus meiner Zeit als Studentin in Passau«, sagt meine Kollegin Anna, »damals fand der Schlagabtausch noch in der Nibelungenhalle statt – im Bierdunst und Zigarettenqualm.« Zum ersten Mal seit zehn Jahren war Anna nicht selbst in Passau vor Ort. »Die diesjährige Ausgabe war sehr asketisch und konnte stimmungstechnisch nicht mithalten mit früheren Ausgaben«, so ihr Befund. In Söders Bierkrug war noch nicht mal Alkohol, sondern Cola light, wie er bekannte. »Söder ist ja eh ein Mann, der dem…